Radreise Wolfgangsee 2013
9. - 14. April 2013

von Simbach zum Wolfgangsee

 

"Herbert, wir sind gleich alt. Glaubst Du, dass auch ich solche Radreisen wie Du unternehmen könnte? ... Ich bin vor 50 Jahren während meiner Offiziersausbildung das letzte Mal 100 km am Tag auf dem Rad gesessen ..." "Ja, warum auch nicht. Jaakko, Du bist topfit ..." Er studiert mit seinem Männerchor in Finnland gerade die Operette "Im weißen Rössl" ein. So ist schnell die Idee geboren, zu seinem 70. Geburtstag nach St. Wolfgang zu radeln.

Unsere Zugfahrt beginnt mit ordentlicher Verspätung und der bekannt zuverlässigen Desinformation der Deutschen Bahn. Wegen des Verzugs halten wir uns nicht lang in Simbach auf und wechseln auf die österreichische Seite des Inn nach Braunau mit seiner malerischen, barocken Innenstadt und der etwas unglücklichen Historie bzw. deren problematischer Aufarbeitung.

Entgegen meinen Erwartungen (ich hatte mich nicht genügend informiert) führt der Radweg entlang Inn und Salzach unangenehm auf und ab. Abends haben wir beinahe 500 Hm auf dem Tacho. Vom Aufstieg zur Burg von Burghausen lassen wir uns trotzdem nicht abhalten. Sie erstreckt sich über einen Kilometer und ist damit die längste Burg Europas. Laut Guinness-Buch sei sie sogar die längste der Welt. Das ist aber nicht gesichert. Wenn dort ein Rekordwert angemeldet wird und niemand Gegenteiliges nachweist ... Von Spätromanik bis Gotik ist Vieles erhalten. Der außergewöhnliche Platz auf dem Bergrücken ist wohl seit der Bronzezeit ununterbrochen besiedelt. Für die hübsche Kleinstadt am Fuß der Burg nehmen wir uns nur wenig Zeit. Die imposanten Bürgerhäuser im Inn-Salzach-Stil am Ufer der Salzach lassen heute noch ahnen, welche Bedeutung der Salzhandel der Stadt Burghausen früher brachte. Heutzutage ist Salz ein Pfennig-Artikel.

Es wird immer kühler, 8° C zum Schluss, und regnet leicht. Ganz selbstsicher erkläre ich: „In Bayern hat jedes größere Dorf einige Wirtshäuser und Gasthöfe. Noch ein paar Kilometer bis Tittmoning. Wir suchen uns dort ein nettes Gasthaus.“ Nix da! Am schönen Marktplatz gammeln einst imposante Gasthöfe mit blinden Scheiben vor sich hin. Es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit in der Stadt. Ja, es gebe ein schönes Hotel einige Kilometer außerhalb: erst geradeaus, dann rechts, dann links, dann ... Die letzten Kilometer ziehen sich quälend lang hin. Kurzum, wir finden die angebliche Luxusbleibe nicht. Ich fühle mich schuldig, weil ich mich verschätzt habe. In Pietling schließlich kommen wir unter.

Bis Laufen müssen wir auf einer belebten Straße bleiben. Am Giebel einer Finanzagentur prangt die Web-Adresse in historisierender Schrift. Wir amüsieren uns köstlich über dieses ansonsten geschmackvoll und gediegen renovierte Haus. Über eine wunderschöne alte Stahlbrücke wechseln wir hinüber nach Oberndorf am österreichischen Ufer der Salzach. Hier entstand vor knapp 200 Jahren das bekannteste Weihnachtslied der Welt: „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Ein eintöniger Waldweg führt die letzten Kilometer bis hinein ins Zentrum von Salzburg. Bequem zu fahren ist er. Wir bummeln gemütlich durch die schöne Altstadt, Getreidegasse, Festspielhaus ..., bewundern Arkaden und Innenhöfe. Selbst jetzt im April quillt die Stadt über von Touristen, besonders häufig Japaner. Das berühmte österreichische Essen? Nun ja, mein knapp mittelmäßiger Tafelspitz mit Bratkartoffeln und Semmelkren ist des angeblichen Traditionslokals nicht würdig.

Ist's der Ärger über diesen Touristennepp? Egal! Ich bin unaufmerksam und kollidiere mit einer Radlerin. Räder und Personen bleiben heil und wir entschuldigen uns gegenseitig für unsere Schusselei. Formal bin ich im Recht.

Bei 7° C und Schnürlregen gehen wir die letzte Etappe nach St. Wolfgang an. Einen Radweg zum Wolfgangsee gibt es nicht. Die 300 Hm aus Salzburg heraus auf einer belebten und engen Landstraße machen keine Freude. Den schönen Fuschlsee würdigen wir kaum eines Blicks. In St. Gilgen dann wärmen wir uns lang in einem Café auf und hinterlassen ganze Pfützen Regenwasser auf Boden und Bank. Meine nassen Handschuhe lassen Farbe und ich fürchte, das vorher blütenweiße Tischtuch ist nicht zu retten. St. Wolfgang liegt zum Greifen nahe am gegenüber liegenden Ufer. Leider verkehren in der Nebensaison keine Boote auf dem See. Per Rad geht es dann die letzten 18 km flach dem Wolfgangsee entlang.

Im Weißen Rössl beziehen wir ein schönes Zimmer mit Blick auf den See und die umliegenden Berge. Im Dorf sind nur wenige Geschäfte geöffnet und die paar Touristen, meist auch hier Japaner, wärmen sich in den wenigen geöffneten Lokalen und starren nach draußen in den strömenden Regen. Heute wird Jaakko 70 und wir feiern seinen Geburtstag mit einem opulenten 6-gängigen Menü und hervorragendem Wein.

Im Mittelalter führte eine der bedeutendsten Wallfahrten nach St. Wolfgang. Der Heilige St. Wolfgang habe sich hier aufgehalten. Die heutige Kirche ist aus dem 12. Jh., evtl. sogar noch älter. Das Wertvollste ist wohl der gotische Altar. Heutzutage ist St. Wolfgang wegen des Hotels "Weißes Rössl" bekannt. In der gleichnamigen Operette von Benatzky ist zwar das Hotel gleichen Namens aus Lauffen gemeint, nicht weit von St. Wolfgang. Aber eine geschäftstüchtige Wirtin aus St. Wolfgang erkannte ihre Chance und in einer deutschlandweiten Werbetournee gab sie ihr Weißes Rössl als das aus der Operette aus. So zumindest lautet eine der Legenden um das Haus. Endgültig wurde es bekannt durch die Verfilmung des Singspiels (1960) mit dem Hauptdarsteller Peter Alexander.

Bei diesem Regenwetter bleibt das Rad in der Garage und wir fahren per Bus nach Bad Ischl. Trotz seiner gerade einmal 13.000 Einwohner wirkt Bad Ischl geradezu großstädtisch, schöne Parks, ehemaliges, mondänes Grandhotel, überdimensionierte Post, großzügige Straßenführung usw. Kaiser Franz Joseph und Sisi haben hier ihre Sommer verbracht, Staatsgäste empfangen ... Die Vergangenheit als kaiserliche Sommerresidenz strahlt bis in die Gegenwart. Sisis Teehaus im herrlichen Landschaftspark zeigt umfassend die Geschichte der Fotografie. Als technischen Ansatz gab es schließlich nicht nur die bekannte Daguerrotypie.

Es bleibt weiterhin kühl aber trocken. Der starke Westwind vergällt uns die lange Abfahrt nach Salzburg. Sogar auf der langen Gefällstrecke müssen wir treten. Im Mozarteum geben Musikstudenten ein Konzert: Alban Berg, Grieg, Beethoven, Ravel. Wir genießen diesen netten Abschluss unserer Reise.

Am letzten Tag dann fahren wir per Zahnradbahn zur Burg Hohensalzburg. Jaakko interessiert sich für die Architektur der Festung und ich eher für die Geschichte. Unser Zug fährt erst am Nachmittag. Ein Fläschchen Wein und etwas Lesestoff  verkürzen uns die Heimreise.