Radreise Tessin

29.7. - 11.8.2009

Bei bestem Wetter starte ich von St. Margrethen dem Rhein entlang nach Vaduz. Das Fürstenschloss liegt abweisend hoch über der Stadt. Sooo interessant scheint mir Vaduz nicht. Was also machen die vielen Touristen hier? Ich jedenfalls habe leider kein Geld hier zu lassen.

Erst ab Chur ist der Rhein halbwegs naturbelassen. Und ab hier verfluche ich das ansonsten hervorragende Schweizer Radwegesystem. Der Weg führt steil auf und ab über Stock und Stein und ist mit Gepäck kaum befahrbar. Ich bin heilfroh, als ich endlich in Disentis bin.

Der Lukmanierpass ist nur auf den ersten paar Kilometern durch die Teufelsschlucht hart. Ab Curaglia kann man beinahe gemütlich dahinrollen bis auf die Passhöhe. Heute ist 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, und bei bestem Wetter ist alles auf den Beinen und auf Rädern.

Ab Bellinzona, Hauptstadt des Tessins, fühle ich mich im Süden. Die drei Burgen von Bellinzona (UNESCO-Weltkulturerbe) waren solange ein Bollwerk gegen die früher gar nicht friedfertigen Schweizer, bis sich Bellinzona selbst der Eidgenossenschaft anschloss.

In Locarno werden gerade die Filmfestspiele vorbereitet. Die Freilichtvorführungen auf der Piazza Grande werden im Regen wohl ungemütlich sein.

Kurz vor Ponte Tresa schleudert direkt vor mir ein entgegen kommendes Auto an die Felswand. Totalschaden. Zum Glück treffen mich die Trümmer nicht. Ein Passant fragt die kaum verletzte Fahrerin: "Hat evtl. dieser Radfahrer hier ...?" Ganz hysterisch kreischt sie: "No, no, no, solamente mio." Ich aber trete ganz schnell in die Pedale, bevor die Frau sich das eventuell anders überlegt.

Die Hotelsuche in Lugano ist ein bisschen mühsam: belegt, zu weit vom Zentrum, zu teuer, kein Platz fürs Fahrrad ... Schließlich lande ich in einem guten Haus in der Via Nassa, der mondänsten Einkaufsmeile Luganos. Ich lasse mich zu einem Rösti hinreißen. Es schmeckt nicht. Selbst schuld! Ich habe schließlich den "Röstigraben" schon längst hinter mir gelassen. Vom altehrwürdigen Grand Café al Porto aus beobachte ich das Treiben. Stil wird auf unterschiedlichste Art gepflegt. Ein älterer Herr trägt sein Sauerstoffgerät in einer besonders edlen Einkaufstasche mit sich. Eine fast noch junge Frau trägt tiefen Ausschnitt und oben wabbeln deutlich sichtbar Silikonkissen in den Körbchen. Ich besuche die Kathedrale San Lorenzo (nahezu stilreine Renaissance), bummle lang am See im schönen Park Ciani, fühle mich im Museum moderner Kunst völlig überfordert und genieße den grandiosen Rundumblick von San Salvatore aus hoch über der Stadt.

Gandria ist regelrecht in die Felsen geklebt; die Fundamente der untersten Gebäude fußen im Wasser. Hier scheint die Zeit stehen geblieben. Ausweislich der Namensschilder wohnen wohl meist Ausländer in den alten Gemäuern. Die ursprünglichen Bewohner haben sich wahrscheinlich mit dem Geld aus dem Verkauf ihrer Häuser anderswo zeitgemäße und komfortablere Wohnungen gesucht. Eine Zeitlang beobachte und bedaure ich den Briefträger, der seine schweren Bündel treppauf und treppab schleppen muss.

In Cadenabbia strahlen die vielen alten Prachtvillen mit ihren riesigen Grundstücken über dem Comer See den Hauch vergangener Grandezza aus. Das 21. Jahrhundert ist noch nicht ganz eingekehrt. Ältere erinnern sich sicher, dass Konrad Adenauer hier seine Urlaube verbracht und Boccia gespielt hat.

Am Ostufer des Comer See radle ich von Como (sehenswerter Dom) über Bellággio und Varenna bis Cólico. Die letzten Kilometer bis Chiavenna sind mühsam. Der "Radweg" ist schlicht nicht befahrbar und die Straße über viele Kilometer so eng und verstopft (alle wollen über den Splügen-Pass), dass ich auch mit dem Rad nur im Stop and Go vorankomme. Sofort nach der Abzweigung auf den Splügen habe ich wieder freie Bahn.

Nach Soglio müsse ich unbedingt und den weiten Blick nach Italienisch-Bünden genießen, hat mir schon seit Monaten ein Freund geraten. Wegen des trüben Wetters enttäusche ich ihn und schicke keine Erfolgs-SMS. Die letzten paar Kilometer auf den Maloja-Pass sind mühsam, enge Serpentinen, steiler als die angeblichen 9% und reger Sonntagsverkehr. Zum Glück bleiben mir aber heute Holzlaster u. ä. erspart. Mit einer hervorragenden Bündner Gerstensuppe und einem "Kübel" Bier (klingt amüsant für Deutsche) erhole ich mich von der Passfahrt.

Das obere Engadin wirkt wie ein großer, locker offener Landschaftspark mit seinen schönen Seen, Wiesen, Wäldern, Bergen. In St. Moritz halte ich mich nur kurz auf. Danach ist der Radweg oft kaum noch befahrbar, obwohl ich flussabwärts unterwegs bin. Die Schweizer haben hier ihre eigenen Maßstäbe.

Guarda ist das angeblich schönste und best erhaltene Dorf im Engadin; leider gibt's nur mittwochs eine Führung und heute ist Montag. Ich erspare mir den steilen Anstieg nach Guarda und begnüge mich mit Ardez. Scuol ist ein reger Badeort und lebt wohl ausschließlich vom Tourismus. Im alten Dorfkern bewundere ich die gedrungenen Engadiner Häuser mit ihren meterdicken Mauern, Wandmalereien, alten Türen ...

In Landeck amüsiere ich mich über eine Restaurant-Werbung. Zu "Schwammerlzeit jetzt!" ist eine Gruppe prächtiger Fliegenpilze abgebildet. Nun ja, ich gehe davon aus, dass man die trotz der Werbung hier nicht zu essen kriegt.

Seit dem Comer See ist das Wetter trüb, manchmal regnet es. Ich ziehe deshalb flott durch bis Innsbruck und kaum am Bahnhof angekommen, kann ich einen Zug nach München besteigen. Ich bin nun eben 2 Tage früher daheim als geplant. In einer Woche werde ich an der Nordsee radeln.