Radreise Slowenien
7. - 22. Oktober 2013

Maribor - Ljubljana

Alle Wege aus Maribor hinaus führen entweder auf die oder auf der Autobahn. Nach einigem Fragen, mehreren Sackgassen, ein bisschen Irrwegen finde ich schließlich den richtigen Weg.

Der Weg von Loče nach Lipoglav ist vermeintlich ganz klar, der Wegweiser zumindest ist eindeutig. Ich will auf kleinen Nebensträßchen bleiben und mehrere Kilometer und viele Höhenmeter lang, wähne ich mich auf dem richtigen Weg. Die Höhe ist schließlich  geschafft und die Straße geht in eine unpassierbare Geröllhalde über. Hier kann ich nicht fahren und nach Karte hätte ich das Dorf längst erreicht haben müssen. Zwei Wanderer zeigen mir, Lipoglav liege doch ganz woanders. Es war eine wunderbare Strecke hier herauf, durch Weinberge und herbstlich bunte Wälder und ich genieße das Ganze noch einmal auf der Rückfahrt. Unten in Loče frage ich noch zweimal nach dem richtigen Weg und habe dann außer dem Wegweiser zwei weitere Richtungen; eine endet schon nach wenigen hundert Metern an einem Stacheldrahtzaun. Das war's also. Autostraße ist angesagt.

Durch irgendeine Schusselei der Rezeption in der JH Celje bin ich über Nacht zum nepalesischen Staatsbürger mutiert. Das kommt dem Boss dann doch unwahrscheinlich vor und muss geklärt werden. In Slowenien geht nämlich nichts ohne ordentliche Anmeldung mit Prüfung des Ausweises usw. Mit viel Spaß bereinigen wir die Situation. So kriege ich auch noch eine kurze Einführung in die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Gegend. Bis 1456 war Celje eine mächtige Grafschaft, dann übernahmen die Habsburger. Die heutige Industriestadt hat ihr hübsches Zentrum bewahrt mit Schloss, kleinen Gässchen, wunderschönen Hausfassaden. An der Wende zum 20. Jh.  erschütterten nationalistische Konflikte die Stadt. Seit 2006, also nach der Unabhängigkeit Sloweniens, ist die Stadt wieder Bischofssitz.

Die Landschaft ist geprägt von Kleinstlandwirtschaft. Ich beobachte, wie eine Familie auf ihrem Kleinacker von vielleicht 7 Ar Karotten einzeln aus der Erde gräbt, sie vom feuchten Lehm befreit und in Kisten packt. Um Celje wird viel Hopfen angebaut, Gemüse, oft Kürbis, viel Mais und – seit Maribor ununterbrochen – Wein. Die Slowenische Honigbiene ist autochthon und sei weltweit die zweithäufigste Honigbienenart. Imkerei ist integraler Bestandteil slowenischer Kultur.

In Domzale, einem Vorort von Ljubljana, ist die Straße für Radfahrer gesperrt und keine Umgehungsmöglichkeit angezeigt. Für viell. 8 km brauche ich über eine Stunde. In Trzin schließlich weiß ich nicht mehr weiter. Eine Schülerin hilft mir: „Dort vorne links, dann rechts an der Fabrik vorbei, im Wald ein bisschen hoch, dann ... Das ist ganz leicht ...“ Ich mag nicht mehr: „Und dort drüben fährt eine Art S-Bahn. Kann ich das Rad mitnehmen? Wo bekomme ich ein Ticket?“ „Ein Ticket kriegst du im Kiosk, links … rechts …“ „Vielen Dank.“ Mir ist jetzt alles egal. Ich werde schwarzfahren. Die nächste Bahn bringt mich im Nu zum Hauptbahnhof Ljubljana.

In einem winzigen Lokal mit 10 Plätzen speise ich so exzellent wie wohl seit Jahren nicht: gegrilltes Schweinefilet mit frischem Brot. Ganz schlicht also und doch ein Hochgenuss. Der Mann geht sichtlich im Grund nur seinem Hobby nach und zelebriert das Grillen geradezu. Alles wird einzeln zubereitet und Gäste haben geduldig zu warten. Hier bedient zu werden, ist ein Privileg. Während ich dort sitze, werden einige zig Gäste abgewiesen. Der Wirt hat mich ins Herz geschlossen:: "Sag mir doch, warum ich mich stressen sollte!"

Die römische Stadt Emona wurde 452 von den Hunnen ausradiert. Ljubljana, später an gleicher Stelle neu gegründet, war kurze Zeit unter tschechischer Herrschaft und dann 600 Jahre lang habsburgisch bis 1918. Das Stadtbild ist noch heute davon geprägt. Die Stadt liegt in einer Schleife des Flusses Ljubljanica, der kurz danach in die Save mündet Der Triglav mit seinen 3 Gipfeln und über 2.800 m der Wappenberg Sloweniens, liegt etwa 60 km nach Nordwesten. Die Karawanken liegen noch näher und schauen von Norden auf die Stadt herunter. Nach Süden erstreckt sich der Karst.

Bei diesem strahlenden Herbstwetter ist das Flair von Ljubljana (dt. Laibach) beeindruckend. Märkte, Shops, unzählige Straßenlokale. Auf dem Markt herrscht lebhaftes Treiben. Die Sortimente sind strikt und kleinteilig getrennt: Gemüse, Souvenirs, Kleidung, Obst, Käse, Fleisch, Süßigkeiten … Der Blumenmarkt scheint fest in der Hand einer Sippe zu sein.

Das Zeitgenössische Museum Sloweniens zeigt beeindruckend die Zeit vom aufblühenden slawischen Nationalismus (um die Jahrhundertwende zum 20. Jh.) bis zur slowenischen Unabhängigkeit 1991. Erster Weltkrieg, danach nur 1 Monat lang Königreich Slowenien, dann Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (sog. SHS-Staat, der bald in Kgr. Jugoslawien umbenannt wurde). Zweiter Weltkrieg und die innere Spaltung des Landes, die auch Tito in der Nachkriegszeit nicht wirklich überwinden konnte (noch 1969 wurde in der Nähe meiner Münchner Wohnung ein Ustascha-Mann aus politischen Gründen erschossen, es war nicht der letzte Fall im München der 70er-Jahre). 1991 schließlich erkämpfte sich Slowenien auch militärisch die Unabhängigkeit. Dabei erlitten die slowenischen Deserteure aus der jugoslawischen Armee die Zerrissenheit des auseinander brechenden Landes besonders tragisch. Für den äußerst engagierten Museumsführer, der sich mir Stunden widmet, ist das Wichtigste: „Wir Slowenen haben das erste Mal in der Geschichte unseren eigenen und wirklich unabhängigen Staat.“ Nun ja, die EU knappert an der Unabhängigkeit.