Radreise Slowenien
7. - 22. Oktober 2013

Drautal

Gestern Abend ging das Oktoberfest zu Ende und "halb Italien" ist auf der Heimreise. Schon auf dem Bahnsteig in München ist kaum ein Durchkommen und nur mit Mühe und Ärger kriege ich mein Rad an den reservierten Haken im EC. Die "Nachwehen" des großen Festes fordern ihren Tribut und bald ist es im Zug seeehr still.

In Toblach (ital. Dobbiaco) treffe ich Klaus; er ist per Auto angereist. Bis hinter Spittal ist der Weg entlang der noch kümmerlich kleinen Drau eingebettet in die wunderbare Gebirgslandschaft, wird dann aber eintönig im Wald und abseits von Siedlungen geführt. Die starken Regenfälle der letzten Wochen haben eine große Mure abgehen lassen und für einige Kilometer müssen wir vom Radweg auf die stark befahrene Straße ausweichen. Bis Lienz "überwinden" wir 600 m Gefälle, eine gute Möglichkeit zum Einradeln.

Es ist Nebensaison, dazu feuchtes Wetter, und viele Lokale sind geschlossen. In Lind freut sich eine Wirtin über uns zwei als ihre einzigen Gäste. Kuchen all you can eat gibt sie gratis. Nun ja, das Gebäck ist schon ein bisschen überlagert. Und als Klaus am Tisch einnickt, erkundigt sie sich ganz besorgt, ob wir zwei Alten es nicht vielleicht gar zu toll getrieben hätten.

Ab Spittal dann wird die Landschaft offener und der Radweg führt gelegentlich durch kleine Dörfer. Stauwerke, Flussschleifen, Schilflandschaften wechseln sich ab und wir genießen den freien Blick auf die umliegenden Berge. An den Gipfeln hängen Wolken fest. Schönstes Herbstwetter.

Bei Regenwetter und in der Nebensaison ist der Wörthersee eine trübselige Angelegenheit. In einem Strandcafé in Velden sind wir die einzigen Gäste und wärmen und trocknen uns ein bisschen. In Pörtschach besuchen wir Sepp, einen alten Freund von Klaus. Die beiden haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr persönlich getroffen. Sepp ist eine besondere Persönlichkeit und wird mir lang im Gedächtnis bleiben. Er bekocht uns bestens und bei einigen Fläschchen guten Weins wird es spät.

Mein in Polen wenige Wochen vorher gekaufter und seitdem kaum 500 km gefahrener Vorderreifen löst sich auf, beult aus und mit ungutem Gefühl hopple ich bis Klagenfurt. Dort bekomme ich sofort Hilfe. Wie vereinbart, reist Klaus von Klagenfurt. heim und ich werde erst einmal weiter der Drau folgen.

Heute am 10. Oktober ist Kärntner Nationalfeiertag, offizieller Feiertag aber nur teilweise arbeitsfrei. Nach militärischen Auseinandersetzungen hat sich das damalige Südkärnten 1920 durch Volksabstimmung für den Anschluss an Österreich entschieden. Heute ist jedes Haus beflaggt. Auch unser Gastgeber Sepp muss noch mitten in der Nacht seine Patriotenpflicht erfüllt haben.

Etwas befremdlich finde ich, dass am Abend des 10.10. im ORF eine stundenlange Lobhudelei auf den vor 5 Jahren tödlich verunglückten Politiker Jörg Haider gesendet wird. Am nächsten Tag passiere ich in Lambichl zufällig seinen Sterbe-/Unfallort. Auch heute an seinem 5. Todestag pilgern Unzählige in strömendem Regen zu dieser Gedenkstätte, geradezu einem Wallfahrtsort zu Ehren des umstrittenen Mannes.

Bei Maria Rain komme ich bald wieder an die Drau und genieße die wunderbare Landschaft, die wolkenverhangenen Berggipfel rundum, die rot und gelb gefärbten Laubwälder, die frische Luft ... Was stören mich die Pfützen und die glitschigen Radwege? Bald kleben einige Kilo Lehm am Rad. Die wenigen Gasthäuser am Weg haben geschlossen (Nebensaison, Ruhetag, Renovierung usw.) und der Weg führt abseits der Siedlungen. In Völkermarkt würge ich mit Widerwillen eine Portion Cevapcici mit Pommes Frites hinunter. Ich habe hier keine Alternative.

In unangenehmem Auf und Ab komme ich nach Ruden und bleibe schließlich dort. Im Garten darf ich mein verschlammtes Rad säubern. In der Dorfpizzeria langweilt sich die Wirtin mit zwei schwerhörigen Gästen. Die beiden spielen Karten, trippeln alle Augenblicke zum WC und brüllen sich gelegentlich eine Bemerkung ins Ohr. Mindestens vier Anläufe braucht es, bis kommuniziert ist "Der Heimberger baut um". Von meiner Pizza lasse ich die Hälfte zurückgehen. Die Guteste hat's schon schwer genug und ich versichere ganz artig, die Portion sei mir einfach zu riesig.

Die Drau ist hier tief eingeschnitten und der Weg führt auf und ab. Über einen kleinen Pass komme ich bald nach Slowenien. In einer Art LKW-Stopp am ehemaligen Grenzübergang genieße ich ein Bierchen. Hier geht es lebhaft zu und ganz im Gegensatz zur gestrigen Pizzabäckerin genießt die Wirtin geradezu den derben Umgangston.

Das einzige Hotel in Dravograd (dt. Unterdrauburg) ist geschlossen, eine "Penzion" seit Jahren nicht mehr betrieben. Was nun? Eine nette Wirtin telefoniert für mich. Bald vernehme ich ein deutliches "dobre" und ich darf in Schloss Bukovje übernachten, einem Museum und Kulturzentrum. Zwei Gastzimmer gibt's dort. Mein Gastgeber drückt mir einen Schlüssel in die Hand und lässt mich für die Nacht allein mit den Schlossgeistern. Er erzählt, aus Furcht hätten Gäste auch schon mal Reißaus genommen. Am nächsten Morgen bringt mir der Hausherr Frühstück in einem Picknickkorb und wir unterhalten uns lang. Nach einer Exklusivführung durchs Schloss - es ist ja sonst niemand da - trete ich wieder in die Pedale.

Kleine Dörfer und Einzelgehöfte liegen am Weg. Kleinstlandwirtschaft wird hier betrieben. Um die reichlich tragenden Streuobstwiesen kümmert sich sichtlich niemand. Größere Orte sind weit. Wie bestreiten die Leute hier ihren Lebensunterhalt? Der Radweg wird recht ambitioniert hoch am Hang entlang geführt und schon nach einigen Kilometern habe ich 500 Hm auf dem Tacho. Als auf einer Geröllstrecke wieder einmal 18% Steigung angekündigt wird, ergreife ich die Gelegenheit und wechsle über eine der wenigen Brücken auf die linke Drauseite und nehme lieber den regen Autoverkehr in Kauf.

In Maribor (dt. Marburg) komme ich in einer Art Studentenhotel unter. Die Stadt wirkt fröhlich und offen, ist eine Stadt des Weins. Der Riesling stamme von hier. Die üblichen Quellen bestätigen das zwar nicht, aber ein 400 Jahre alter Rebstock in der Stadt trägt heute noch Früchte und sei damit der Welt ältester. Einige moderne Kunstinstallationen in der Stadt zeugen noch von Maribor als Europäischer Kulturhaupstadt 2012. Die Aufgesetztheit erinnert mich in vielem an Cork (Kulturhauptstadt 2005). Aber hier in Slowenien war sichtlich der Etat etwas schmaler als in Irland und das war kein Nachteil, finde zumindest ich. Die frühere Wirtschaftmetropole hat nach der Unabhängigkeit 1991 den wichtigen innerjugoslawischen Markt verloren und sich bis heute davon nicht erholt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Es bleibt ein zwiespältiges Bild. Neben einigem wenigem Modernem rotten vor allem die malerischen Altstadtviertel vor sich hin.

Im Museum der Nationalen Befreiung wecke ich an der Kasse eine Dame aus ihrem Büroschlaf. Buchstäblich! Erst einmal verriegelt sie umständlich ihr Kassenhäuschen. Dann öffnet sie mir nach probieren unzähliger Schlüssel einige Räume. Den größten Teil der Ausstellung nimmt eine ehemalige Kosmetikfirma ein und ich lerne mehr über das Auf und Ab der Wirtschaft in Maribor als über die Befreiung. Ich hätte Themen wie Partisanenkampf, Aussiedlungen, Tito, deutsche Besetzung, Unabhängigkeitskampf erwartet. Fast nichts von alledem entdecke ich. Ja, einen Raum über General Maister gibt es noch, aber hier hat die Frau den Lichtschalter nicht gefunden.

Ich komme vom Regen in die Traufe. In einem netten Café will ich essen. „Hier gibt es kein Essen.“ Ich zeige auf die Fassade mit großen Lettern „Restavracija, Pizzeria, Spaghetteria“. „Wir renovieren gerade.“ Nun ja, das Restaurant gegenüber sieht es auch ganz hübsch aus, wird im Stadtführer angepriesen, eine Speisekarte hängt aus … Ich setze mich, warte: „Essen gibt es nur im Lokal.“ Ich krame Kamera, Prospekte, Jacke zusammen und nehme drinnen Platz. Nach einer Weile:  „Hier wird kein Essen serviert. Dort im hinteren Teil des Lokals.“ Schon etwas säuerlich wechsle ich noch einmal den Platz. Wieder ein bisschen warten … Mindestens zehn 4er-Tische sind noch frei, aber: „Sie sind allein? Könnten Sie nicht an einen kleineren Tisch wechseln?“ Nun, der Ärmste kennt zwar die Vorgeschichte nicht, aber mir reicht es jetzt. Ein böser Blick genügt, mich gewähren zu lassen. Ich speise ausnehmend gut. Hoffentlich empfindet der arme Kerl nicht als Schikane, dass ich für meine kleine Zeche einen Hunderter wechseln lassen muss. Im Übrigen werden während meines Aufenthalts nur zwei weitere Tische besetzt. Wirkt hier vielleicht die Vergangenheit nach?