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Nach Süden
27.8. - 14.9.2008

Mit dem Pendeltåg bis Gnesta entfliehe ich wieder dem Großstadtverkehr von Stockholm. Während der Fahrt plane ich die Fährpassage nach Deutschland und meine Strecke nach Moosburg, kündige der Familie mein Rückkehrdatum an und meinen Schulkameraden die Teilnahme an unserem Jahrestreffen.

Vimmerby lebt in hohem Maß von Astrid Lindgren. Ihr Geburtshaus, Filmdrehplätze … sind zu besuchen. Auf dem Stora Torget ist Ronjas Räuberschiff aufgebaut. Ich radle nach Lönneberga, des berühmten Michels Heimat. Zu allem Überfluss erwische ich 4 km frisch präparierte Sandstraße, matschig feucht, nicht eine einzige Fahrspur vor mir, es geht steil auf und ab und selbst schieben ist mühsam. Småland eben!

Das romanische Kirchlein von Jät fasziniert mich, seit dem 13. Jh. weitgehend unverändert und heute nur noch sporadisch in Gebrauch. Die extrem schlichte Malerei aus dem 18. Jh. (Jesus und seine 12 Jünger haben alle die gleichen Augen, Frisur, Oberlippenbart usw.) schmälert nicht den Charme.

Kaum bin ich Skåne bevölkern unüberschaubare Gänsescharen Wiesen und abgeerntete Felder und die schöne Geschichte von Nils Holgersson (Selma Lagerlöf) kommt ins Gedächtnis. Kivik ist ein reizendes Dorf am Dünenstrand der Ostsee, mit hübschen Häuschen in dänischem Stil (Skåne war lange Zeit dänisch). Vor dem Dorf wundere ich mich über eine riesige Fläche, die wirkt, wie ein verlassener Festplatz. Hier in diesem kleinen Dorf mit 1.000 Einwohnern? Nun, es sind die Überbleibsel des Kiviks Marknad, der jährlich im Juli mehr als 100.000 Besucher zählt. Das Grab von Kivik aus der Bronzezeit um 1.000 v. Chr. ist leider geschlossen; in Schweden haben Touristen im September nichts mehr zu erwarten.

Bei Kåseberga besichtige ich die größte Schiffssetzung Skandinaviens Ales Stenar. In einer Fischräucherei am kleinen Hafen nehme ich gebratenen Hering. Der schmeckt ganz gut. Aber auf einem Teller statt einer Styroporplatte und mit normalem Besteck statt Plastikwerkzeug könnte man's genießen. Aber so sind sie halt, die Schweden. Ich bleibe noch lang dort an dem schönen Platz, trinke Kaffee und schreibe Postkarten. Gegen heftigen Gegenwind quäle ich mich dann weiter der Küste entlang über Ystad (zig Kilometer herbstlich verwaister Sandstrand, malerische Strandhäuschen, dänisches Stadtbild, höchste Kneipendichte Schwedens) nach Trelleborg. Nach 9 Wochen verlasse ich jetzt Schweden und setze mit der MS Peter Pan nach Travemünde über, wie schon einmal vor 30 Jahren mit einer früheren Peter Pan der gleichen Linie.

Weitgehend entlang Kanälen radle ich über Lauenburg, Mölln (Till-Eulenspiegel-Stadt), Uelzen (Hundertwasser-Bahnhof) nach Gifhorn. Das private Mühlenmuseum zeigt hauptsächlich Windmühlen aus aller Welt, teilweise hierher versetzt, meist aber originalgetreu nachgebaut. Die Technik wird sehr ausführlich präsentiert, soziale und wirtschaftliche Aspekte kaum. Das Museum ist einen Besuch wert. Für die russisch-orthodoxe Kirche nebenan nehme ich mir keine Zeit.

Von Goslar fahre ich per Zug an die Werra (im Vergleich zu Schweden ist in Deutschland Rad im Zug sooo problemlos). In Treffurt übernachte ich in einem historischen Gasthaus von 1546 und genieße deutsches Essen. Über Coburg und Bamberg bin ich bald in Forchheim. Per S-Bahn vermeide ich den Großstadtverkehr von Nürnberg. Von Hersbruck aus führt der Fünf-Flüsse-Radweg leicht und schnell nach Regensburg. Dabei passiere ich die Europäische Wasserscheide, Sulzbach-Rosenberg mit der stillgelegten Maxhütte und das schöne Amberg.

In Regensburg bin ich mit Traudl verabredet, als erster da und die Rezeptionistin im Hotel fragt erstaunt: "Sie sind allein?" Ich erlaube mir ein Späßchen: "Ach, ich bin schon mal voraus geradelt. Sie wissen ja, Frauen fahren etwas langsamer." Ich glaube, die Dame würde mich am liebsten mit den Augen erdolchen. Aber sie hält sich ganz professionell zurück und antwortet nicht. Kaum habe ich eingecheckt, schüttet es wie aus Kübeln und wir entschließen uns später nur zögernd, zum Essen aus dem Haus zu gehen. Nach einem letzten Stopp in Abensberg bin ich dann nach 114 Tagen wieder daheim. Ich habe mein Budget ziemlich überzogen, bin gesund und munter und einige Kilo leichter. Ich werde bald die nächste Reise planen.

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