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Nordschweden
4.7. - 25.7.2008

Unglaublich, was „man“ an Elektronik mitschleppt. Beim Grenzübertritt nach Schweden stelle ich 6 Uhren um: Armbanduhr, 2 Kameras, Fahrradtacho, Laptop, Handy.

In Pajala ist gerade Sommarmarknad, der größte Markt auf der Nordkalotte, 3 Tage lang. Vom Marktschreier (ultimative Gemüsehobel), über Billigkleidung (10 Socken für 10 Kronen), Kitsch (neckische Schildchen für die Klotür), Kinderrummel (Karussell), Gewerbeausstellung (Rasenmäher), Kultur (lappische Sängerin), bis zur Informationsausstellung über die Gefahr von Elchunfällen ist alles vertreten. Täglich um 17 h werden die Bürgersteige hochgeklappt. Nach 6 Wochen Reise können mich meine Lieben daheim live an einem Wavepoint vor der größten Sonnenuhr der Welt betrachten. 

Durch das nördliche Lappland geht’s meist mit Rückenwind leicht und flott über Aitik (größtes Kupfervorkommen Europas), Gällivare (Eisenerzgruben), Porjus (imposantes Wasserkraftwerk am Stora Luleälv) nach Jokkmokk. Man trifft sich hier immer wieder, weil es fast nur eine Straße gibt. Deshalb treffe ich irgendwo unterwegs wieder auf Johanna und Andres, ein Schweizer Radlerpaar, das ich aus Pajala kenne. Und ich treffe wieder Denis aus Massachusetts, mit dem ich jetzt eine Weile zusammen bleibe.

Jokkmokk ist bekannt für seinen Jahrhunderte alten lappischen Vintermarknad. Im sehr gut aufgebauten Samenmuseum erfahre ich auf Nachfrage endlich alles, was ich über lappische Sprachen wissen wollte: 3 Sprachen, 9 Dialekte usw.

Eine Wirtin in Kitajaur erzählt amüsiert und empört über Radtouristen, die hier ohne vernünftige Karte unterwegs sind, sie ohnedies nicht lesen könnten, sich über Steigungen wundern (Lappland ist nicht eben), keine Reiseerfahrung haben usw. Unglaublich, aber keine 2 Stunden später treffe ich einen jungen Franzosen, auf den diese Beschreibung zutrifft. Er ist u. a. zu schwer bepackt, schon nach wenigen Tagen völlig ausgepowert und schafft deshalb sein Pensum von 100 km/Tag nicht. Das Planziel Abisko (ich war vor 5 Jahren dort) muss er streichen.

Ich radle durch unendliche Wälder südwärts und quere den Piteälv, den Umeälv und andere. In Moskosel verbringe ich einen Abend mit Ove und Mats, ein interessanter Gegensatz: Ove der Unternehmer/Jäger/Draufgänger und Mats der angestellte Restaurator für Kirchenfenster. Ove ist 73, jagt immer noch Bär, Elch und Ren (dürfte er das?), tourt im Winter mit dem Snowmobil und zum 70. Geburtstag hat er sich eine neue Harley gekauft ("Meine Kinder haben das nicht auf die Reihe gekriegt") und kurvt damit im Sommer durch die Gegend. Mats hatte einen Gehirntumor und reist mit seiner Karin in die entlegensten Regionen der Welt: "Meinen Kinder hinterlasse ich keine Öre. Ja, das bezahlte Haus können sie haben."

Dem Campingplatz in Blattnicksele entfliehe ich am Morgen geradezu. In diesem ... Kaffee kochen? Nein! An einem noch geschlossenen Café klopfe ich ans Fenster, werde eingelassen und bekomme ein fürstliches Frühstück, obwohl ich die bereitgestellten Filzschlappen ignoriere (das ist selbst in Schweden beinahe einmalig). Nach meinem Woher und Wohin möchte die Bäckerin am liebsten mitradeln, aber Mann, Kinder, Haus und Hund verhindern das. Auch in Schweden funktionieren die üblichen Abwehrreflexe: In Vilhelmina hängen viele Plakate "Nej! Till Nationalpark" (Nein zum Nationalpark) und ich erlebe eine kleine Demo mit, sehr schwedisch zurückhaltend und unterkühlt.

In Dorotea werde ich vom Tanzboden weg von zwei Frauen zu ihrem Dorffest in Storbäck (18 Häuser, 40 Einwohner) eingeladen. So hautnah habe ich ländliches Schweden noch nie erlebt. Nach dem kleinen Fest fahren wir noch mit dem Auto bis beinahe zur norwegischen Grenze: Lapland at its best!

Östersund ist seit Lahti (Finnland), d. h. seit über 5 Wochen, für mitteleuropäische Begriffe die erste wirkliche Stadt. Ich wohne in einer traditionellen Jugendstilpension. Mein Zimmer ist höher als breit oder lang, mit Stuckfriesen und nicht einmal der Schuko-Stecker passt in die alten Dosen. Das Jamtli-Freilichtmuseum gibt einen guten Überblick über Stadt- und Landleben vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Im Storsjön soll seit über 300 Jahren ein schlangenähnliches Ungeheuer hausen, dessen Existenz aber nicht gesichert ist.

Sveg genießt den Ruhm als Geburtsstadt Henning Mankells, ist auch Schauplatz eines seiner Krimis. Mora lebt vom Ruf des jährlichen Vasaloppet und ich habe daheim mehrere der bekannten Moramesser. In Nusnäs besuche ich eine Manufaktur für die berühmten Dala-Pferdchen, handwerkliche Fließbandarbeit, gefällt mir aber. Rättvik ist ein ehemals mondäner Urlaubsort am Siljan-See.

In Falun wurde seit 1.300 Jahren Kupfer abgebaut. Ein Nebenprodukt war Falunrot, mit dem seit Jahrhunderten schwedische Holzhäuser gestrichen werden und das untrennbar mit der schwedischen Identität verbunden ist. In den 1990er Jahren wurde der Abbau eingestellt und seit 2001 ist die ehemalige Grube einschließlich historischer Bergarbeiter-Wohnviertel usw. Weltkulturerbe. Das Grubenmuseum enttäuscht mich, aber ich kann mich kaum von der Fotoausstellung über Falunrot trennen.

In Sala wurde Jahrhunderte lang Silber abgebaut. Im 14. Jahrhundert (so die Grubenführerin) sei die Grube an Mittsommer eingestürzt. Es seien keine Todesopfer zu beklagen gewesen, weil wegen des Festes keine Arbeiter in der Grube beschäftigt gewesen seien. Nun, die deckungsgleiche Geschichte habe ich auch in Falun zum dortigen Kupferbergwerk gehört. Mir scheint das zu viel des Zufalls. Außerdem gibt es die Silbergrube Sala nach anderen Quellen erst seit dem 16. Jahrhundert.

Hier wird mir wieder einmal bewusst, wie sich Klima und Vegetation vom Hohen Norden bis hierher stetig ändern: arktische, baumlose Tundra um Vardø, Baumgrenze am Inari, Taiga in Lappland und jetzt fruchtbare Weizenfelder. Beinahe mit jedem Kilometer wird die Vegetation üppiger und vielfältiger; alle paar Kilometer entdecke ich neue Pflanzen, Heidelbeeren, Erdbeeren, immer mehr Kleesorten, dann Ebereschen, Rosen usw.

In Uppsala, der altehrwürdigen Universitäts-, Bischofs- und Krönungsstadt genieße ich bei hochsommerlichem Wetter das bunte, städtische Treiben und ein Konzert im Stadtpark, besichtige das Vasa-Schloss und den Dom, besuche Alt-Uppsala mit seinen monumentalen Königsgräbern aus dem 5. oder 6. Jahrhundert und dem Thinghügel.

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