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Hoher Norden
23.6. - 3.7.2008

Siida, das Samische Museum in Inari, bietet einen guten Überblick über lappisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Information über lappische Sprachen vermisse ich und bekomme sie auch nicht auf Nachfrage. Das ausgestellte Kunsthandwerk scheint mir teilweise nicht am abendlichen Lagerfeuer sondern in einer Fabrik entstanden zu sein.

Utsjoki ist die nördlichste finnische Gemeinde und die einzige mit lappischer Bevölkerungsmehrheit und lappischer Amtssprache. Auf 5.400 qkm verteilen sich 1.350 Einwohner, d. h. etwa ¼ Einwohner/qkm. In den Kirchhütten am Mantojärvi konnten bis vor 70 Jahren Kirchenbesucher nach ihrer teils mehrtägigen Anreise unterkommen. 12 qm für eine Familie waren nicht eben üppig.

Am norwegischen Grenzfluss Tana reihen sich über viele Kilometer Angler an Angler und alle hoffen auf einen prächtigen Lachs. Der Fluss sei einer der weltweit besten Fischgründe für Lachse. Über einen kleinen Fjell (kaum 150 m hoch, aber völlig baumlos) komme ich an den mächtigen Varangerfjord und nach dem kalten, regnerischen und windigen Tag schleiche ich nur noch die letzten paar Meter zum Campingplatz in Vestre Jacobselv. Es ist kalt und zum ersten Mal jemals auf Radreisen ziehe ich meine Winterjacke über. Am nächsten Tag kapituliere ich vor dem heftigen Oststurm schon nach 18 km in Vadsø und finde ein Bed & Breakfast (aber ohne Breakfast, das ist hier so üblich) für die Nacht. Im Tuomainen-Hof, einem Museum, erfahre ich viel über die finnische Siedlungsgeschichte der norwegischen Finnmark.

Der folgende Morgen ist strahlend hell und beinahe windstill, leider nur kurz. Ich genieße die karge Landschaft, die spärliche Vegetation der Tundra, die kleinen Farbtupfer in der Steinwüste und beobachte eine riesige Renherde, die zur Sommerweide auf die höher gelegenen Fjells zieht.

Vardø ist historisch eine Festungsstadt, die nördlichste der Welt, und die weiße Kuppel über der Stadt ist auch heute noch ein Außenposten der NATO gegen Osten; offiziell werden (auch) zivile Aufgaben erledigt. Vardø ist die einzige Stadt Europas in der arktischen Klimazone und die Polarnacht dauert 2 Monate. Am 3. Februar, wenn die Sonne nach dieser langen Zeit das erste Mal über den Horizont kommt, haben die Kinder schulfrei. Hier am äußersten Ende Norwegens leben nur wenige Menschen und manches wird nur noch mit Hilfe von Ausländern aufrechterhalten, freiwillig (z. B. die deutsche Zahnärztin) oder auch nicht (die vielen Asylanten). Die Dorfjugend langweilt sich offenkundig in dieser abgeschiedenen Gegend. Am Freitagabend röhren die jungen Männer mit ihren Autos und Motorrädern unaufhörlich durch die wenigen Straßen; Fußgänger leben gefährlich. Als ich am nächsten Morgen gegen 4 Uhr zum Hafen radle, leeren sich gerade die zwei (mehr entdecke ich nicht) Kneipen. Ein paar Betrunkene torkeln heim, mit anderen machen die Taxis ein Geschäft und einige Nüchterne gibt es auch.

Die MS Nordnorge, ein Postschiff der Hurtigruten, legt pünktlich an und ich bin der einzige Zusteiger. Die Reception "auf Deck 6" finde ich nicht. Ich lasse mich in einen Sessel plumpsen und schlafe, aber hier geht niemand verloren und bald wird über Lautsprecher gemeldet: "Er ist gefunden." Zur Frühstückszeit dann erwacht das Schiff und die vielen Kreuzfahrtpassagiere machen sich bereit zum Landgang in Kirkenes.

Die Stadt mit ihrer Tristesse enttäuscht nicht nur mich. Das Grenzlandmuseum präsentiert zusammen gewürfelte Haufen Kriegsgerät, wenig informativ aber rührselig kommentiert. Wenn schon das örtliche Tourist Office nichts anderes vermeldet als: "Sør-Varanger Museum - Grenzlandmuseum Besuchen Sie unseren Museumsladen. Grosse Auswahl an Souveniren." Eine mehrstündige Busfahrt zur russischen Grenze und ein Luftschutzraum aus dem zweiten Weltkrieg interessieren mich nicht. Das war es aber auch schon. Es regnet und ist kalt, trotzdem starte ich bald in Richtung Finnland.

Sevettijärvi ist das Zentrum der Skolt-Lappen, die nach dem verlorenen Fortsetzungskrieg aus der Region Petsamo nach hier umgesiedelt wurden. In einem kaum wohnzimmer-großen Museum erfahre ich viel über lappisches Brauchtum. Die Kirche des Hl. Trifon (Missionar der Skolt-Lappen im 16. Jh.) ist verschlossen und der nächste Gottesdienst erst in 8 Wochen. Etwas befremdlich finde ich, dass die kirchlichen Bekanntmachungen ausschließlich in Finnisch sind. Ich frage mich, ob Lappisch hier tatsächlich so häufig gesprochen wird, wie behauptet.

Das Wetter ist etwas zu angenehm warm und deshalb quälen mich Moskitos auf den 400 km bis zur schwedischen Grenze. Irgendwo unterwegs treffe ich auf Jürg und Rahel, die seit 2 Jahren auf mehreren Kontinenten per Rad unterwegs sind. In Pokka (das absolute Nichts) muss jeder Lapplandradler gewesen sein; 60 km Sandstraße sind leider nicht vermeidbar.

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