Zurück Home Nach oben Weiter

Finnland
7.6. - 22.6.2008

Zum Start der Trans Orientale von St. Petersburg nach Peking reist der Tross (Mechaniker, Ärzte, Journalisten ...) über Helsinki an. Die einen nutzen die Pause, füllen ihre Spesenabrechnungen aus, surfen im Internet usw.; die anderen bringen munteres Leben aufs Schiff. Von dem bunten Völkchen passt schon äußerlich kaum jemand in eine bürgerliche Schablone.

Das Bordpersonal ist unfreundlich, teils pampig, mürrisch, spricht nicht Deutsch und kaum Englisch. Ich habe dummerweise statt Kabine Liegesessel gebucht und der Service dafür ist schlicht indiskutabel. Die Zeit der kreuzfahrt-ähnlichen Passagen, wie ich sie ein Vierteljahrhundert lang mit der Finnjet genossen habe und noch früher mit der Finlandia, Aallotar usw., ist vorbei. Dafür kostet der Spaß heute nur noch ein Taschengeld.

Bei Ankunft ist es beißend kalt und Helsinki am frühen Sonntagmorgen ist wenig einladend. Ich frühstücke im Bahnhofscafé, bummle über einen riesigen Flohmarkt und treffe mich später mit meinem Neffen Martin und seiner Freundin. Die beiden sind das erste Mal hier. Das Finlandia-Haus will ich vergeblich seit vielen Jahren besichtigen. Es gibt nur selten Führungen und auch heute gelingt es wieder nicht.

Die nächsten Tage sind regnerisch und kühl. In Sysmä lasse ich die Kleidung etwas abtropfen und wärme mich bei einer Suppe auf, kaufe ein paar Landkarten, schaue mich kurz um und radle weiter. Ich kenne hier niemanden (mehr). Über Joutsa und Pieksämäki (dort sitze ich einen Regentag aus) bin ich bald in Kuopio und genieße den berühmten Blick vom Puijo-Turm über den Kallavesi.

Kainuu, die Landschaft entlang der russischen Grenze, ist geprägt durch Wald, Seen und Moore. Viele Denkmäler erinnern an die erbitterten Kämpfe im Winterkrieg, gelegentlich auch an den Lapplandkrieg. Obwohl ich noch längst nicht in Lappland bin, gehören Rens bald zum normalen Straßenbild. Sie traben auf der Straße und wechseln gern mehrfach die Seite, bevor sie endgültig im Wald verschwinden. Es ist unglaublich, wie unberechenbar sich diese Tiere verhalten und es gibt viele Unfälle. Die Felsmalereien am Värikallio (Farbfelsen) in Hossa sind rund 4.000 Jahre alt und – obwohl sie Wind und Wetter ausgesetzt sind – bestens erhalten. Die üble Schotterstraße dorthin kostet mich letzte Kraft und Nerven.

Juhannus (Mittsommer) ist ein Höhepunkt des finnischen Lebens. Jeder fährt aufs Land in seine Hütte oder die seiner Freunde. Das öffentliche Leben erstarrt. Schon am Donnerstagnachmittag, zwei Tage vor dem eigentlichen Fest, sind in Kemijärvi die Hotels geschlossen und ich bekomme nur ein Zimmer, weil ein Manager noch im Büro ist, ich verspreche, am nächsten Morgen das menschenleere Haus abzuschließen und den Schlüssel im Briefkasten zu hinterlassen. Außer einer Karaoke-Bar finde ich keinen Platz zum Essen. Trotz der auffordernden Blicke der Karaoke-Meisterin trete ich nicht auf; dem einzigen Sänger applaudiere ich höflich.

Am Pyhätunturi, dem einst heiligen Berg der Lappen, hoffe ich vergebens auf eine zünftige Mittsommerfeier. In Sodankylä dann spielt eine lappische Band auf; nach 130 Radl-Kilometern fällt aber mein Tango ein bisschen schlapp aus. Um Mitternacht wird der große Holzstoß entzündet und jeder wünscht jedem „Hyvää Juhannusta“ (Fröhlichen Mittsommer).

Hier führt nur noch eine einzige Straße nach Norden und zum Traumziel Vieler, dem Nordkap. An Raststellen wird Kitsch (Gartenzwerge usw.) angeboten und „Man spricht Deutsch“.

Das Goldmuseum in Tankavaara, dem legendären Goldwäscherdorf, ist recht gut gemacht. Die darum herum aufgebaute „Goldwäscherstadt“ ist im Western-Stil (z. B. „Columbia Gazette Office“), obwohl die Goldwäscherei hier eine nahezu ausschließlich finnische Angelegenheit war. Eine Zumutung!

Bei Saariselkä (vor ca. 18 Jahren war ich im Winter hier), oben auf dem Sattel des Kaunispää, begegne ich José, dem Holländer mit dem spanischen Namen, der in der Schweiz lebt. Er kommt gerade vom Nordkap. Wir tauschen Radler-Tipps aus bis uns ein kräftiger Regenschauer weiter treibt.

Der Inari-See ist mein erstes Etappenziel. Nach kurzem Rechnen bleibt mir noch Zeit für einen Abstecher nach Norwegen, bevor ich in Richtung Stockholm radeln muss.

Zurück Home Nach oben Weiter