Radreise Saimaa 2015
22.7. - 8.8.2015


Meine Fähre nach Helsinki


Porvoo


Imatrankoski


Olavinlinna


La Traviata


Puumala


Segeln auf dem Saimaa


Korvenranta


Dom von Helsinki

In Tallinn hat mein Fahrrad seit letzter Woche seinen "Stammplatz" im Hinterhof des St. Olav nicht verlassen. Ich stelle dort nur kurz das Gepäck ab und radle dann zum Hafen, um für morgen ein Fährticket zu kaufen. Dann warte ich mein Rad noch ein bisschen (Kette spannen, Öl, ...). Schon bin ich für die Weiterreise gerüstet.

Heute wird die Innenstadt von Tausenden Delegierten Delegierten eines großen Kongresses der Zeugen Jehovas dominiert. Ich diskutiere lang und interessant mit einem der Herren über Religion in postsowjetischer Zeit im Baltikum, in Russland, in den GUS-Staaten und insbes. über die diesbezüglich erstaunliche Politik Putins. Den Abend lasse ich dann auf der Dachterrasse des Radisson ausklingen.

Schon zur Mittagszeit rolle ich in Helsinki von der Fähre. Am Hietalahden Tori bummle ich lang über den riesigen, täglich stattfindenden Flohmarkt. Wahrscheinlich wird immer der gleiche Krimskrams angeboten. Die Händler schätzen mich in meiner Radlerkleidung ganz treffsicher als Nur-Guck-Besucher ein.  Als Radler hat man halt keinen Kofferraum. Mich faszinieren immer die menschlichen Typen auf dem Platz. Ein Besuch lohnt immer. Ich war vor Jahren schon einmal da.

Am frühen Abend bin ich in Porvoo, der zweitältesten Stadt Finnlands. Ich genieße das Flair der historischen Holzhäuser und engen Gassen. Die Altstadt erinnert in Vielem an Sigtuna, Schwedens älteste Stadt.

In Loviisa werden 2 neue Atommeiler gebaut; die deutsche Atompolitik versteht in Finnland niemand. Kotka feiert gerade das jährliche Meeresfestival und ich habe keine Chance auf ein Bett für die Nacht. Schließlich komme ich in einer Art ehemaliger Autobahnraststätte unter, 20 km außerhalb. Die wenigen Gäste verlieren sich beinahe in dem riesigen, heruntergekommenen Komplex. Über Taavetti  komme ich dann 2 Tage später nach Lappeenranta. Von Jaakko und Familie werde ich bereits erwartet. Morgen starten wir zwei Männer per Rad rund um den Saimaa-See.

Bilder Tallinn - Taavetti

Es ist warm und sonnig. Nachdem wir den Saimaakanal gequert haben, müssen wir die ersten Kilometer der Autobahn entlang radeln. Der Radweg ist zwar komfortabel zu fahren, der Verkehrslärm aber unerträglich. Jaakko hat die Route auf der Karte hervorragend ausgearbeitet. Jetzt bleibt nur noch, nach einem Blick auf Wegweiser die Planung in Realität umzusetzen, manchmal ein Problemchen.

Der mächtige Imatrankoski (Imatra-Wasserfall) gilt als finnische Nationallandschaft. Schon seit beinahe 100 Jahren wird der Vuoksi-Fluss zur Stromerzeugung umgeleitet. Um auf das ursprüngliche Naturschauspiel nicht verzichten zu müssen, wird im Sommer täglich für 20 Minuten das Wehr geöffnet und ungehindert strömen dann 500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch das Flussbett. Ein großartiges Schauspiel. Dazu erklingt über Lautsprecher Musik von Sibelius. Schon eine halbe Stunde vor dem Spektakel finden wir kaum noch einen Beobachtungsplatz auf der Brücke. Die Wasserrechte des Vuoksi sind in einem internationalen Vertragswerk mit Russland geregelt. Die Finnen fühlen sich dabei benachteiligt. Vor Jahren hat mir ein Russe geklagt, hauptsächlich Finnland profitiere von dem Vertrag. Nachdem sich beide Seiten benachteiligt fühlen, ist das Vertragswerk wohl einigermaßen ausgewogen.

Die Kolmen Ristin Kirkko (Kirche der 3 Kreuze), ein wunderbares Werk Alvar Aaltos, ist leider geschlossen. Wir müssen uns mit dem Äußeren begnügen.

In Ruokolahti liegt unser Hotel mit Campinghütten direkt am See. Nach Abendessen und Sauna genießen wir die ruhige Stille. Und in der Nacht (Ende Juli wird es hier schon richtig dunkel) wirkt über die ruhige Wasserfläche hinweg auch die beleuchtete Zellulosefabrik ganz romantisch.

Das junge Wirtspaar hat erst im letzten Jahr übernommen: „Ja, wir haben wenig Gäste. Wir haben schon etwas reduziert, bieten z. B. kein Mittagessen mehr an.“ Ich fürchte, damit haben sie bereits die Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Mit vier Gästen an einem Tag in der Hochsaison wird das Hotel nicht lang überleben können. Schade um den schönen Platz.

Kaum ein finnischer Fremdenverkehrsprospekt kommt ohne ein Bild von Punkharju aus, einem der schönsten Plätze in Finnland. Ich war 1970, meinem ersten Finnland-Aufenthalt, schon einmal hier. Schade, dass ich nicht fähig bin, den Reiz dieses landschaftlichen Kleinods auch nur annähernd fotografisch zu erfassen. Dieser wunderbare Platz zieht natürlich Scharen von Touristen an und ist geradezu ein Rummelplatz mit Hotels, Restaurants, Campingplätzen und Vergnügungspark. Die Preise sind "angepasst".

Bilder Lappeenranta - Savonlinna

Bei Regen rollen wir nach Savonlinna ein. Umziehen, ein bisschen abhängen, etwas essen und schon wartet der Bus. In der alten Burg Olavinlinna wird La Traviata gegeben. Die Protagonisten und insbes. der Chor singen hervorragend. Ich bewundere besonders, wie geschickt der Regisseur die riesige Bühne ausnutzt. Das ist ja bei diesen Salonszenen eine besondere Herausforderung. Der Himmel hat mittlerweile aufgeklart und wir erleben einen traumhaft schönen Abend. Besonders angenehm ist die lockere Atmosphäre vor der Burg.

Bilder Opernabend

Am nächsten Morgen werden wir schon wieder eingenässt. Durch die schöne Seenlandschaft, hügelig ist sie aber auch, kommen wir nach Puumala. Unser schönes Hotel, frühere Sägemühle, liegt - selbstverständlich - am Wasser. Das Essen ist exzellent. Aber der blasierte Ober verdirbt zumindest mir die Laune; Jaakko ist viel toleranter, zu tolerant. Mit einem langen Strandspaziergang lassen wir den Abend ausklingen; einige schöne Boote liegen in der Marina. Das größte, eine feudale Jacht, kommt aus dem östlichen Nachbarland.

In ständigem Auf und Ab kommen wir gut voran. Wir naschen Heidelbeeren satt und Jaakko meint, er habe wohl über ½ Liter verspeist (sooo misst man Beeren, Kartoffeln usw. hier im Land). Kurze Zeit regnet es leicht. Ich bin etwas schlapp und Jaakko zieht flott voraus. Kaum ist er auf der Fähre nach Kyläniemi, geht auch schon die Klappe hoch und sie legt ab. Ich bleibe zurück und darf dann später in Gesellschaft eines riesigen, stinkenden Gülletransporters übersetzen. Der Weg auf der Insel ist mühsam, die letzten paar Kilometer übelste Sandstraße.

Bilder Puumala - Kyläniemi

In Hepohiekka lagern 400 Pfadfinder aus ganz Finnland und weil Jaakko alter Pfadfinder ist (in einem anderen Verband), dürfen wir als zahlende Gäste ins sog. Lagerhotel einziehen. Als Erstes werden wir mit gelben Halstüchern als Gäste markiert und bekommen Geschirr und Besteck in die Hand gedrückt. Abwaschen müssen wir selbstverständlich selbst.

Heute ist der letzte Tag des Lagers Verso15. Bei der abendlichen Abschlussveranstaltung werden die vielen Helfer und Offizielle geehrt. Die Jugend darf sich an einem Ratespiel um die finnische Flagge beteiligen. Ein Holzstoß wird entzündet. Beim Abschiedslied mit Händekette verdrückt Jaakko in Erinnerung an seine Jugend ein paar Tränen der Rührung.

Ohne Sauna geht hier natürlich nichts. Neben einer „richtigen“ Sauna gibt es auch mehrere Zelt- und eine Sperrholzsauna. Wir beschließen den Abend in der „richtigen“ Sauna.

Am nächsten Morgen ist Aufbruch, für uns und auch für die Pfadfinder. Aber 400 Leute müssen erst einmal verköstigt sein. Jaakko und ich reihen uns selbstverständlich in die Schlange ein. Als Gäste werden wir aber schnell an den wartenden Massen vorbei nach vorn komplimentiert. Unser Essgeschirr ist anschließend blitzschnell abgespült. Das Packen aber im halbdunklen Zelt dauert dann doch etwas länger.

Jaakko hatte über die Sandstraße geklagt und sofort wurde uns mehrfach Autotransport bis zur Hauptstraße angeboten. Zu Jaakkos deutlichem Missfallen lehne ich immer ab und so quälen wir uns jetzt wieder Meter um Meter über die Holperstrecke. Sooo schlimm ist das nun auch nicht und anschließend ist auch Jaakko stolz auf unsere Leistung.

Bilder Pfadfinderlager

Zum Festland brauchen wir ein Boot und Jakko hat vor einigen Tagen einen Fischer bestellt, der uns übersetzen wird. Der prescht mit mehr als 100 PS in einem wahren Höllenritt über die Wellen. Wir halten uns krampfhaft fest und versuchen die Stöße wenigstens ein bisschen abzufedern. Erst im Windschatten des Festlands wird die Fahrt ruhiger und wir können kurz einen Blick zurück werfen. Bis zum Horizont ist über den Suur-Saimaa (Groß-Saimaa) hinweg kein Land zu sehen.

Meine einzige Segelerfahrung ist der damals beinahe windstille Wannsee vor Jahrzehnten. Jaakko hat sich vor einigen Monaten seinen jahrelangen Traum erfüllt, ein traditionelles Holzboot und wunderbares Stück.  Heute kreuzen wir bei recht flottem Wind in einer großen Bucht vor Lappeenranta. Ich gestehe, mir ist dabei manchmal unwohl. Jaakko aber ist in seinem Element und wenn der Wind gerade wieder auffrischt und die Bordwand beinahe eintaucht, jubelt er "päivän paras" (Hurra, Spitze!).

Bilder Lappeenranta

Über Mäntyharju und Hartola (Seenlandschaft, schöne Strecke) komme ich schnell nach Sysmä. Marja und Kalle erwarten mich auf Korvenranta und die Sauna ist schon eingeheizt. Hier aber muss ich meine Reise vorzeitig abbrechen wegen eines Krankheitsfalls in der Familie.

Den letzten Tag verbringe ich in Helsinki. Die großartige Felsenkirche besuche ich wieder einmal. Gestern rümpfte Kalle etwas die Nase: „Dort sind doch nur Touristen. Ich war noch nie dort.“ „Ja sicher, aber ich finde die Architektur beeindruckend. Und die vielen Touristen besuchen die Kirche ja gerade wegen ihrer Einmaligkeit.“

Daheim ist die wochenlange Hitzewelle noch nicht abgeflaut und für die 25 km vom Flughafen nachhause nehme ich den Zug.

Bilder Mäntyharju - Helsinki
     
     

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