Radreise Rhein
30. September - 5. Oktober 2013

von Rüdesheim nach Koblenz

 

Ich reise nur nach dem Motto "Nicht ohne mein Rad!" Mein Freund Jaakko aus Finnland leiht in Rüdesheim eines. Für 6 Tage ist das billiger und stressfreier als der Transport im Flugzeug. ☺

Gleich nach wenigen Kilometern holt mich eine Blondine im Cabrio beinahe vom Rad. Nach kurzer Aufklärung über den seitlichen Sicherheitsabstand bleibt sie wenig damenhaft und laut keifend auf einem Parkplatz zurück. Im Kloster Eberbach hilft ein Schlückchen guten Spätburgunders über den erlittenen Schreck hinweg. Die Abtei ist seit Jahrhunderten für ihren Wein berühmt. Die Zisterziensermönche damals waren nicht solch modernen Gefahren ausgesetzt wie ich heute, haben dafür vielleicht andere Sorgen mit Wein bewältigt. In seiner heutigen Form bietet das Kloster viel Bemerkenswertes von später Romanik über Gotik bis zum Barock. Der berühmte Film "Der Name der Rose" wurde weitgehend in diesen ehrwürdigen, alten Gemäuern gedreht.

Die bekannte Drosselgasse in Rüdesheim ist jetzt in der Nebensaison (nicht mehr Sommer und noch keine Weinlese) ziemlich unbelebt. Die wenigen japanischen Reisegruppen verhindern völlige Leere. Jaakko empfehle ich Pfälzer Saumagen als regionale Spezialität und Lieblingsspeise unseres früheren Kanzlers. Mein Schweinebraten ist ... Am besten vergesse ich das. Der Dornfelder zumindest ist  ordentlich.

Was wäre der Mittelrhein ohne seine Burgen hoch oben auf beinahe unzugänglichen Felszacken?  Es gibt beinahe 30 Burgen entlang unseres Wegs. Manche sind original erhalten (z. B. Marksburg aus dem 14. Jh.), manche zu feudalen Hotels ausgebaut (z. B. Rheinfels) und manche liegen seit Jahrhunderten als Ruine (z. B. Fürstenberg).

Wir haben uns für das Thema Rheinromantik entschieden. Zu den Burgen Rheinstein, Sooneck und Stolzenfels quälen wir uns hoch. Zugegeben, auf den steilsten Stücken schieben wir. Alle drei Burgen lagen lang als Ruine bis im 19. Jh. das preußische Herrscherhaus mit dem Wiederaufbau seine romantischen Vorstellungen von mittelalterlichem Ritterleben verwirklichte. Sooneck enttäuscht uns etwas, auch wegen des kaum verständlichen "Deutsch" des Führers. Ich amüsiere mich bei der Vorstellung, dass sich die Möchtegern-Ritter des 19. Jh. hier auf einer bequemen Biedermeier-Chaiselongue geräkelt haben. Die Burg ist die schlichteste der drei genannten. Rheinstein und insbes. Stolzenfels sind teilweise ein Werk des preußischen Stararchitekten Schinkel (ich kannte ihn bis dato nur als Architekt des Klassizismus). Stolzenfels überschreitet die Grenzen einer Burg und ist zu einem veritablen Schloss ausgebaut mit Gärten und Brunnen innerhalb der Mauern und einem schönen Landschaftspark außerhalb.

Die Pfalz bei Kaub, auch Pfalzgrafenstein genannt, liegt an einer Engstelle im Rhein. Ludwig der Bayer ließ hier Zoll eintreiben, verärgerte damit den Papst, wurde dafür (naja, nicht nur) exkommuniziert und setzte sich dann schließlich die Kaiserkrone selbst aufs Haupt und einen Gegenpapst ein. Heute ist die Zollburg ein Museum und per Fähre erreichbar. Die Sonderausstellung "Im Banne des Papstes" finden wir enttäuschend dürftig.

In einem Restaurant in Kaub hängen historische Stiche. Ein sehr alter Herr mit steif durchgedrücktem Rücken, äußerst exakter Sprache und Schmiss selbstverständlich gerät angesichts eines Bildes geradezu in Ekstase. Mit brüchiger Stimme erklärt er seiner familiären Entourage: „Schaut her. Hier in Kaub hat Blücher 1813 mit seiner ganzen Armee über den Rhein gesetzt … eine großartige logistische Leistung … einer der größten Feldherren, die Deutschland je hatte … er war immer seinem König treu ...“ Nun, die letzte Behauptung wäre zumindest diskussionswürdig. Leider kann ich Jaakko das Besondere der Situation nicht erklären. Dazu müsste er deutsch sozialisiert sein.

Der Rheindurchbruch ist eng und der Fluss dicht befahren. Beidseits des Rheins drängen sich Straße, Eisenbahn und gelegentlich Ortschaften. Für Radwege bleibt naturgemäß kaum Raum. Die kurzen Aufstiege zu den Burgen sind die einzigen halbwegs autofreien Strecken. Unter anderem mit Hinweis auf diese Verkehrssituation wollte ich Jaakko zu einer anderen Radreise überreden, z. B. Mosel. Ich verstehe aber aus seiner Sicht, dass er auf dem Rhein bestand: "Ich habe schon in unserem Deutsch-Unterricht in Lyzeum von Rheintal gelesen und es war seitdem ein Traum für mich das zu sehen."  Und das ist gut so.

Die lebendige Stadt Koblenz ist mit 2.000 Jahren eine der ältesten deutschen Städte. Hier findet man römische Hinterlassenschaften (z. B. das Kastell Niederberg) neben mittelalterlichen  (z. B. St. Kastor).  Das Stadtzentrum ist in Teilen geradezu ultramodern, Wolkenkratzer fehlen selbstverständlich.

Auf der Festung Ehrenbreitstein geraten wir zufällig zu einer Vorführung mit Wanderfalke, Steinadler, Seeadler, ja sogar Uhu. Die beiden Falkner erzählen ungeheuer eindrucksvoll über die Beizjagd, die sie beinahe weltweit betreiben. Die zwei lieben ihre Vögel und lassen sie sogar berühren. Darüber wird es spät, der Wind frischt unangenehm auf und es dämmert bereits. Die Festung, die Kasematten, die interessanten Ausstellungen und den berühmten Blick auf das Deutsche Eck und das Wilhelm-I.-Denkmal müssen wir lassen und bereuen es nicht.

Boppard ist eines der typischen Städtchen am Rhein, das historische Zentrum eng zusammengerückt am Fluss, eine Promenade mit Schiffsanleger, römische Überbleibsel, eine Burg (hier im Ort, sonst meist darüber). An vielen Häusern sind die Pegelstände der Überflutungen markiert. Dem Vernehmen nach wohnen heutzutage die meisten Leute außerhalb der Gefahrenzone. Sie wollen nicht alle paar Jahre Keller und Erdgeschoss verschlammt haben und wochenlang ihr Haus trocknen müssen. Im historischen Stadtkern bleiben weitgehend nur Hotels, Gasthäuser und Läden, die mit viel Nippes (z. B. Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald) auf den Tourismus ausgerichtet sind. Eindeichen, falls technisch überhaupt machbar, würde den Charme der Orte zerstören und den Tourismus zum Erliegen bringen.

In Boppard ist gerade Weinfest und das Städtchen völlig ausgebucht. Nur mit Glück bekommen wir in einem muffigen, alten Hotelklotz ein Dach über den Kopf. Macht nix. Leider sind wir aber am falschen Tag hier. Ausgerechnet heute spielt eine bekannte Band Rock und Pop. Für unsere Ohren - wir sind beide 70! - müssen wir nur unerträglichen Lärm erdulden. Am Marktplatz versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ein Gläschen Wein probieren, etwas plaudern ... ist nicht. Schade finde ich, dass Jaakko ein zumindest teilweise verzerrtes Bild heim nimmt: "Aha, so also sind deutsche Weinfeste. Nur viel Lärm."

Gleich bei unserem Hotel besteigen wir die MS Loreley zur Fahrt zurück nach Rüdesheim. Anfangs sind wir nur fünf Fahrgäste. Aber heute am Samstag füllt sich das Schiff bald mit Tagesausflüglern. Es regnet beinahe unaufhörlich und wir betrachten vom Schiff aus die Stationen unserer Radreise. Im Hochnebel sind manche Burgen nur noch zu erahnen.

In strömendem Regen bringen wir in Rüdesheim Jaakkos Fahrrad zurück und fahren per Bahn zum Flughafen Frankfurt. Bei einem letzten Gläschen resümieren wir unsere Reise. Nach langer Zugfahrt komme ich um Mitternacht heim (Jaakko ist zu der Zeit schon seit Stunden in Helsinki). Übermorgen starte ich nach Österreich und Slowenien.