Radreise Prag 2012
17. - 26. Mai 2012

Moosburg - Altmühltal - Prag

Das Himmelfahrtswochenende schreit geradezu nach einer Radreise, mit Verlängerung selbstverständlich. Am herrlich blauen Himmel ziehen Cumuluswolken; ein bisschen kühl bleibt es mit 10° C. Durch die schöne Holledau, der Abens entlang, dann der Ilm, sind wir bald an der Donau. Die Selbstdarstellung von Vohburg als „Agnes-Bernauer-Stadt“ wird nicht von allen Historikern geteilt. Sei’s drum, soll die Stadt alle 4 Jahre ihre Festspiele haben

 In Neustadt/Donau fahren wir durch die „Hölle“. Warum wohl ist das kleine Gässchen so benannt worden? Wir sind dann bald im Urdonautal zwischen Rennertshofen und Dollnstein, landschaftlich eine meiner Lieblingsstrecken. Die nächsten Tage werden warm bis um 30° C, bringen aber auch flotten Gegenwind, der mir bis Prag erhalten bleiben wird. Das prächtige Wetter lockt viele Radtouristen an die Altmühl und wir haben täglich Mühe, noch ein Quartier zu finden. In Dietfurt übernachten wir in der sog. „Boris-Becker-Kammer“, normalerweise nicht vermietet und nur in Notfällen für Stammgäste des Hotels bereit.

Das Mineralienmuseum in Riedenburg ist immer wieder faszinierend, präsentiert den größten Bergkristall der Welt mit 8 t, prächtigste Turmaline usw. Schade, dass so wenig Wert auf Präsentation gelegt wird (z. B. Beschriftung zu klein und beschattet). Gelegentlich entdecken wir Reste des ehemaligen Ludwigskanals, schauen etwas sehnsüchtig auf zu den Burgen (Prunn, Essing usw.). Nein, bei 30° C bleiben wir lieber im Tal und sind dann bald in Regensburg (UNESCO-Weltkulturerbe).

Traudl „darf“ morgen wieder arbeiten gehen und fährt per Zug heim. Ich treffe letzte Absprachen mit Klaus für morgen. Eine SMS von Klaus reißt mich dann am frühen Morgen aus dem Schlaf: „Stehe bei Ulm mit Panne auf der Autobahn. ADAC wird kommen. Komme später nach Regensburg.“ Das war’s dann wohl und ich strample allein nach Prag? Aber ich habe Klaus unterschätzt. Er lässt sein Auto in die Werkstatt schleppen, leiht das Auto seiner Freundin und ist um 12 h an meinem Hotel in Regensburg. Binnen Minuten sind wir auf dem Radweg.

Dem Regen entlang, dann der Chamb, radeln wir auf Radwegen und verkehrsarmen Sträßchen angenehm in einer breiten Flussniederung. Die Feuchtbiotope sind ein wahres Vogelparadies mit Störchen, Reihern, Möwen, unzähligen Entenarten usw. Ich zumindest hatte mir die Oberpfalz anders vorgestellt. In Cham finden wir nach einigem Suchen einen Gasthof, etwas außerhalb. Klaus will unvorsichtigerweise wissen, wie die Zimmer ausgestattet sind, aber die bärbeißige Wirtin ist sich ihrer Monopolstellung bewusst und lässt uns schroff abblitzen: „Ihr müsst hier nehmen, was es gibt.“ Also denn. Bei einem laaangen Abend im Biergarten lassen wir den für Klaus so unerfreulichen und stressigen Tag ausklingen.

Furth im Wald wirkt auf uns wie der Gegenentwurf zu Cham: hübsche Innenstadt, lebhafte Gastronomieszene und im Tourismusbüro bekommen wir bereitwillig viele Infos zum Radweg nach Prag, zum speziellen Grenzübergang nach Tschechien für Radler usw. Entgegen süffisanten Bemerkungen einiger Stammtischbrüder in Furth warten dann am Radweg keine Damen mit speziellen Dienstleistungen auf. Erst bei Babylon, zurück auf der Autostraße, sind die entsprechenden Etablissements nicht zu übersehen.

Das ganze Städtchen Domažlice (11.000 Einwohner) steht unter Denkmalschutz. Zentrum ist der lange Marktplatz mit seinen beidseitigen Laubengängen (Barock, Empire, auch Spätgotik). Wenn ich schon mal hier bin, genieße ich die exzellenten Palatschinken. Klaus hält das für eine Fleischspeise (wie ich früher auch), bestellt deshalb anderes und hat leider auf der ganzen Reise keine Gelegenheit mehr, diese Köstlichkeit zu kosten. Die „Palatschinken“ in Prag sind miese Tourismusqualität. Naja, wenn man es nicht besser kennt und vielleicht auch einfach nur hungrig ist …?

Der Himmel zieht zu und wird bedrohlich dunkel. 3 Minuten nach einchecken im Hotel zum Blauen Stern (Modrá Hvězda) in Dobřany bricht ein Wolkenbruch hernieder. Wir lassen uns in diesem gediegenen Haus, einer ehemaligen Brauerei, richtiggehend verwöhnen. Mit dem nimmermüden Charmeur Klaus ist der Abend kurzweilig.

Der Weg führt ziemlich wellig mit erstaunlich vielen Höhenmetern durch weite Landschaft und gesichtslose Dörfer. Fast nie fehlt der Dorfteich im Zentrum. Da scheint das Leben ein bisschen stehen geblieben zu sein. Ein krasser Gegensatz zu den Städten mit schicken Restaurants, exklusiven Geschäften usw. Bis beinahe ins Zentrum von Pilsen können wir auf einem gut geführten Radweg bleiben. In den Außenbezirken von Pilsen herrscht noch die Blässe vergangener Zeiten. Der Marktplatz ist hervorragend restauriert. Vom weltberühmten Bier kosten wir nicht; schließlich wollen wir heute noch weiter. Unser weiterer Weg führt am Brauereigelände vorbei. Sollten wir nicht doch kurz einkehren?

In Komárov dann, wir hätten nur noch eine handvoll Kilometer bis Hořovice, habe ich meine erste Reifenpanne seit wohl über 10.000 km. Ich bin verärgert, schussle, wurstle und brauche deshalb lang. Klaus amüsiert sich über seinen sooo rad-erfahrenen Mitradler. Die Rauchschwaden in der Kneipe nebenan sind undurchdringlich. So waschen wir drinnen nur schnell die Hände und trinken unsere Cola im Freien. An der nächsten Tankstelle will ich den Luftdruck einstellen. Obwohl der Kompressor defekt ist,  lässt uns der nette Tankwart nicht weiterziehen, bevor er die Maschine repariert hat. Zum Abschied will er nicht mal ein Trinkgeld nehmen. Geholfen ist mir trotzdem nicht, weil die Anlage kein Manometer hat. Hoffentlich hat der Mann immer das richtige "Druckgefühl".

Seit der Grenze genießen wir vom ersten Meter an die exzellente Wegweisung in Tschechien für Radfahrer. Wir folgen bedingungslos dem Radweg Nr. 3 und bräuchten nicht einmal eine Karte. Meist wird man auf verkehrsarmen Sträßchen und oft sogar auf Radwegen geführt. Die Route führt meist mitten durch die Dörfer und Städtchen, d. h. an Einkaufs- und Unterkunftsmöglichkeiten vorbei. Fordernde Steigungen erleben wir nicht.

Ab Řevnice wird der Weg unangenehm, starker Verkehr, nicht enden wollender Siedlungsbrei. Zum Schluss fehlt dann die Wegweisung, aber wir können uns an der Moldau orientieren und sind dann bald in der "Goldenen Stadt" Prag.

Unser über HRS gebuchtes Hotel in Prag ist ein Reinfall (es war auch gar so verführerisch „preiswert“). Erst einmal ist unsere Buchung unbekannt. Nachdem wir sie nachweisen, wollen sie uns am Liebsten gar nicht aufnehmen, dann notfalls in ein Minikämmerchen zusammenpferchen. Erst nach ernsten Worten geht’s dann doch wie gebucht. Unsere Räder aber sollen wir – im Zentrum von Prag! – auf dem Gehsteig parken. Ich drohe mit Meldung an HRS, Anzeige wegen Betrug, Schadenersatz usw. Schließlich dürfen auch die Fahrräder in den Keller. Wir müssen sie „nur“ über Berge von Gerümpel hinweg heben und aufpassen, dass wir nicht mitsamt dem Rad die Treppe hinab stürzen.

Die nächsten 2 Tage (Gründonnerstag und Karfreitag) genießen wir die schöne Stadt und das quirlige Leben dort. Wenzelsplatz, Karlsbrücke, Kleinseite, Stadtrundfahrt, Straßenkünstler, Altstädter Ring, Hradschin, Veitsdom, hübsche Straßencafés. Unsere Drahtesel bringen uns überall hin. Ich stehe manchmal Ängste aus, weil Klaus sich mit dem Rad etwas flott und wagemutig zwischen Fußgängern durchschlängelt.

Jetzt gerade wird am Wenzelsdenkmal gegen die tschechische Wirtschaftspolitik und soziale Einschnitte demonstriert. Der Ort ist sicher bewusst gewählt. Der Wenzelsplatz war schließlich schon mehrfach das Prager und das tschechische Zentrum des politischen Widerstands und und der Demonstration (z. B. 1968 und 1989). Heute geht's hier wohl nur um Petitessen.

Im Malostranská Pivnice, einem von mehreren „original“ Lokalen, in denen Švejk verkehrt haben soll, speisen wir recht brauchbar, auch wenn die Selbstdarstellung frei erfunden ist. Der brave Soldat Švejk ist nur eine Romanfigur des tschechischen Autors Jaroslav Hašek.

Am Ostersamstag setzen wir uns zur Heimfahrt in den Zug. Mit etwas Verspätung sind wir bald in Regensburg (Klaus) bzw. Moosburg (ich). Daheim erwarten Klaus sein repariertes Auto und eine 4-stellige Rechnung dafür.