Radreise Polen
27. August - 12. September 2013

von Sarbinowo bis Puck

 

 

Ich habe in meinem Kühlschrank fast immer Rügenwalder Teewurst (der Name ist geschützt). Sie ist benannt nach Darłowo, dem früheren Rügenwalde. Zumindest ich habe die Herkunft dieser Wurst immer sehr viel weiter westlich verortet. An dem Städtchen ist die Zeit vorbei gegangen. Die "historisch wertvollen Barock- und Renaissancehäuser um den Marktplatz" sind stark vernachlässigt und waren wohl nie bedeutend. Die Kirche in Backsteingotik ist wahrscheinlich neu aufgebaut (nicht-polnische Erklärung fehlt wieder einmal).

Über viele Kilometer miserabler Sand- und Plattenwege kommen wir nach Rowy, zwischen Meer und Jezioro Gardno gelegen, einem der unzähligen Haffs entlang der Küste. Hier beginnt der Slowinzische Nationalpark mit seinen Haffs, den einzigen Wanderdünen Europas, Elchen usw. Sollen wir den Jezioro Gardno nördlich auf einem „sehr schlecht“ zu befahrenden Weg umfahren oder aber südlich, doppelt so lang und nur „schlecht befahrbar“. Die Bequemlichkeit, d. h. Entfernung, siegt und wir werden belohnt mit einem festgefahrenen Sandweg. Der See ist wegen des breiten Schilfgürtels nicht zugänglich. Von einigen Aussichtplattformen kann man Vögel beobachten.

Das slowinzische Freilichtmuseum in Kluki ist eine der wenigen Ausnahmen, wo Kultur der alteingesessenen Bevölkerung gezeigt wird. Die Slowinzen sind ein kaschubischer, also slawischer, Volksstamm. Sie waren stark germanisiert und hatten weitgehend ihre eigene Sprache verloren. Nach 1945 wurden deshalb die Slowinzen den Deutschen gleichgestellt, vertrieben, ausgesiedelt. Diese Entwicklung wurde erst gestoppt, als einige Kenner der Geschichte den Sachverhalt zurecht rückten. Aber es war schon zu viel Porzellan zerschlagen und die Slowinzen wollten nun nicht mehr bleiben.

In Smołdzino übernachten wir privat bei einer 76jährigen Witwe. Beim Frühstück erzählt sie aus ihrem Leben. Mit ihren Eltern 1945 aus dem damaligen Ostpolen vertrieben, bis 1956 in einem Nachbardorf gelebt mit vielen anderen Kindern, "die Deutsch gesprochen haben". „Die sind dann bald weniger geworden …“ Es gibt wenig Arbeit in der Gegend (das ist offenkundig) und die Leute haben kaum Geld. Sie schlägt sich durch mit einem Hausgarten, Hasen, Ziege, Zimmervermietung.

Mein Vorderreifen löst sich auf. Soll ich eher polnische Wegverhältnisse oder Fa. Schwalbe (wieder einmal!) beschuldigen? In Łeba, einem quirligen Badeort, bekomme ich auch Samstagnachmittag Hilfe. Nicht einmal 100 Zloty zahle ich und freue mich zu früh. Auch diesen Reifen (Marke?) muss ich später in Slowenien schon nach wenigen hundert Kilometern ersetzen.

Bei auch heute traumhaftem Wetter, Sonne, blauen Wolken, um 20° C und flottem Ostwind genießen wir den Ausflug zur und auf die einzige Wanderdüne Europas. Sie ist 42 m hoch und begräbt auf ihrem Weg von rund 10 m/Jahr alles, was sich ihr in den Weg stellt. So wurde das Dorf Łącka vor einigen Jahrhunderten verschüttet. Lange Zeit danach taucht auf der Rückseite der Düne, im Westen, alles wieder auf, irgendwann in der Zukunft auch das verlorene Dorf  Łącka. Ich finde leider dazu keine Zeitangabe; nach Überschlagsrechnung dauert das jedenfalls weit jenseits 1.000 Jahren. In der einzigartigen, unwirtlichen Umgebung gedeihen nur wenige Pionierpflanzen und auch nur einige Tierarten leben hier; keine Vogelart nistet.

In Słuchowo, einem winzigen Dorf, endlich ein Schild „Wolne Pokoje“ (freie Zimmer). Wieder mal Glück gehabt. Wir landen in einer Art schlichter Arbeiterunterkunft, haben ein Bett, eine warme Dusche und eine Gemeinschaftsküche. Mehrere Zimmer sind voll gepfropft mit je etwa 8 – 10 schlichten Liegen und Stockbetten. Doppelbetten sind mit einem groben Absperrbrett getrennt. Mit unseren Vorräten, etwas Tee, einer entsetzlich fetten Wurst, zwei Semmeln und Äpfeln werden wir über die Nacht kommen. Abends kommen einige offensichtlich müde Arbeiter zurück in ihr Quartier. Ein junger Mann füllt mühsam die Rapportzettel für die ganze Gruppe aus, zeichnet geradezu Buchstabe um Buchstabe. Es sind Gastarbeiter aus Weißrussland und deshalb des lateinischen Alphabets nicht so ganz mächtig.

Hier, wie auch ausnahmslos sonst, weist uns der Gastgeber sofort und unaufgefordert einen Raum an, in dem wir unsere Fahrräder verschlossen aufbewahren können. Hier in Słuchowo ist es eine unbenutzte Küche, sonst manchmal eine Garage oder eine Wäschekammer oder ... Wir finden das zwar fürsorglich aber doch auch etwas befremdlich. Sollte diese Sicherheitsmaßnahme wirklich geboten sein? Wir jedenfalls hatten in Polen nie ein Gefühl der Unsicherheit.

Mit beinahe leerem Magen strampeln wir am nächsten Morgen einigermaßen lustlos 15 km bis Krokowa und hoffen auf ein offenes Café oder zumindest einen Sklep (Laden). Schließlich frühstücken wir feudal im Schlosshotel, dem früheren Sitz der Grafen Krockow. Hier hätten wir übernachten müssen. Wir besichtigen kurz die schönen Räume im Schloss. Der Barockgarten und der umgebende englische Landschaftspark werden nur dürftig erhalten.

Während des Frühstücks unterhalten wir uns mit zwei polnischen Radlern. Sie empfehlen uns eine wunderbar als Radweg ausgebaute alte Bahntrasse bis zur Küste. Trotz Gegenwind fliegen wir geradezu dahin und genießen den strahlend blauen Himmel und die weißen Wolken.