Radreise Polen
27. August - 12. September 2013

von Usedom bis Sarbinowo

 

Die ersten Tage verbringen wir in Berlin (Regierungsviertel, Kudamm, Prenzlauer Berg, Wannsee usw.) und Potsdam. Im Vergleich zu vielen anderen Städten, z. B. München, ist in Berlin angenehm Rad zu fahren. Der Radverkehr bekommt den notwendigen Raum.

Dann geht's per Zug weiter nach Wolgast. Wir genießen die wunderbaren Sandstrände auf Usedom. Trotz Nachsaison haben wir mehrfach Probleme, Unterkunft zu finden. Nach langem Suchen und Fragen finden wir in Bansin eine hübsche, kleine Villa mit eigenem Strand. In Ahlbeck ist am nächsten Tag die Suche hoffnungslos. Im etwas weniger mondänen Heringsdorf vermittelt uns das Tourist Office die "Villa xxx" mit einem "Hauch von Luxus". Wow! In einem Hinterhof finden wir die heruntergekommene Holzvilla, deren Luxusanmutung sich schon vor Jahrzehnten verflüchtigt hat. Wir fühlen uns geneppt.

Der Grenzübergang nach Polen für Fußgänger und Radfahrer ist großzügig ausgebaut. Vor 10 Jahren sah es hier noch anders aus. Swinemünde dagegen scheint mir seitdem beinahe unverändert. Bald danach kämpfen wir mit Sandpisten, Plattenwegen (denn allseits auch aus der DDR und Tschechien bekannten), holprigen Asphaltstraßen und Schlammwüsten. Traudl mosert: "Eine Frechheit, eine solche Piste als Ostseeradweg zu bezeichnen ..." Größtenteils sind die Wege bis nach Danzig soso lala. Es gibt auch gute Passagen. Wir kommen schließlich an.

Der Nationalpark Międzyzdroje mit seinem Wisentgehege interessiert uns. Auch wenn wir mit den Wisenten nicht Deutsch oder Englisch parlieren wollen, hätten wir uns doch ein paar Erklärungen in einer der gängigen Fremdsprachen gewünscht. Nein, für ausschließlich polnischsprachige Wisente geben wir nicht einmal 6 Zloty aus. Im Lauf der Reise stoßen wir wiederholt auf dieses Sprach- bzw. Fremdsprachenproblem. Auch bei anderen Gelegenheiten drängt sich uns der Eindruck auf, Polen seien Fremden gegenüber zurückhaltend, auch eigenen Landsleuten. In Situationen, in denen wir in Irland oder Italien oder ... geradezu umarmt oder bemuttert worden wären, werden wir ganz unpersönlich abgefertigt. Selbst Kleinkinder winken nicht etwa fröhlich einem Passanten zu oder wollen mit ihm plappern. Nie hören wir im Vorbeifahren oder bei Begegnung auf einem einsamen Weg ein "Dzień dobry" (Guten Tag) oder ähnliches. Niemand nimmt Blickkontakt auf, selbst dann kaum, wenn wir damit "vorpreschen".

Der Küste entlang mit ihren schönen Sandstränden reiht sich Badeort an Badeort. Auch jetzt in der Nachsaison steht der Rummel mit Restaurants, Kiosken, Spielhallen, Karussells, plärrend lauter Musik nur wenig nach gegenüber Mallorca oder ... Jedes Dorf hat unzählige Billigunterkünfte, Ferienhaussiedlungen, Campingplätze und mehr oder weniger private Zimmer. Die wenigen gehoben wirkenden Hotels sind abweisende Spa-Kolosse.

Die Küste ist oft steil und die Ostsee nagt unentwegt daran. In Trzęsazc (dt. Hoff) ist die Küste vom 15. bis zum 17. Jh. um zwei km zurückgegangen und irgendwann stürzte auch die einst in vermeintlich sicherer Entfernung gebaute Kirche in die Ostsee.

 

Wir sind mit Unterkünften grundsätzlich nicht wählerisch. Sie sind entweder komfortabel und kosten entsprechend oder schlicht und - hoffentlich - entsprechend billig. Aber heute nach einem Regentag  wollen wir auf jeden Fall gediegen unterkommen. In der Tourist Info: „Ein Hotel? Kein Problem. 100 Meter von hier ...“ „Gut, das nehmen wir.“ „Das kostet 100 Zloty pro Nacht.“ Das sind ungefähr 25 Euro und ich werde misstrauisch: „Ist das ein nettes Hotel?“ „Ja natürlich. Ich wohne auch dort … Ich komme gleich mal mit.“ Auf dem Weg dann: „Meine Mama kann leider kein Deutsch.“ Aha! Auf den ersten Blick schlicht, aber seeehr proper ... Erst der zweite Blick ernüchtert. Duschkabine? Bitte nicht anfassen. Wasserablauf? Dauert kaum eine Viertelstunde. Heizung? Aber nicht doch. Wir sind müde und ausgekühlt und so nehmen wir eben das Zimmer in der elterlichen Pension.

In Richtung Kolberg (polnisch Kołobrzeg) wird der Tourismus immer stärker und deutlich gehobener. Diese alte Hansestadt beherrschte über Jahrhunderte den Salzhandel. Heute ist Kolberg Polens größter Badeort, Hafenstadt und Militärstandort. Durch meine Schulbücher geisterte der Held Nettelbeck, der Kolberg erfolgreich als letzte Festung der Preußen gegen Napoleon verteidigt hat. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört und entgegen der Beschreibung des Reiseführers auch im Zentrum nur dürftig wieder aufgebaut.

Durch herrliche Kiefernwälder geht's weiter nach Osten. Die Pilze sprießen. In Sarbinowo identifiziert mich eine Pensionswirtin an der Türsprechanlage sofort als nicht-polnisch und schickt ihren Mann, der kein Deutsch aber ungefähr 20 Worte Englisch kann. Der Preis ist schnell geklärt. Dann aber will die Frau via Mann noch irgendetwas mitteilen. Mal verstehen wir "finish", dann "service", auch "final". Müssen wir etwa noch eine Endreinigung bezahlen? Also: "How much do we have to pay all in all?" Wie bisher: "240 Zloty but ..." Schließlich schickt die Wirtin ihren Mann, einen Zettel und Stift zu holen. Mehr Kompetenzen hat er ohnedies nicht. Sie schreibt "9:00" und deutet drauf. Also ganz einfach. Das Zimmer ist am nächsten Tag reserviert und wir sollen nur bis 9:00 Uhr bleiben. Kein Problem!

Hier, wie auch sonst fast überall, gibt es kein Frühstück. Mit einer Kochnische könnte man meist für sich selbst sorgen. In einem "schon" um 1/2 9 Uhr geöffneten Café (die Polen sind Spätaufsteher) bestellen wir unter anderem zwei Omeletts. Als Traudl ihres schon vertilgt hat, rührt die Köchin den Teig für meines an. Das muss natürlich auch in die Pfanne und kaum 10 Minuten später darf auch ich frühstücken. Das Café ist im Übrigen nicht klein. Kaum auszudenken, wie hier mehr als zwei Personen verköstigt werden sollen.