Radreise Norwegen 2010
26.5. - 18.8.2010

Lofoten und Troms
(Bodø - Alta)

Pünktlich um 23:30 h landet Traudl auf dem Flughafen. Das Rad ist o.k. und in wenigen Minuten wieder fahrbereit. Ihr Gepäck ist in Oslo geblieben und soll morgen früh ins Hotel zugestellt werden. Aber unser Backpacker-Hotel ist den Leuten völlig unbekannt und so vereinbaren wir der Einfachheit wegen Selbstabholung. Versorgt mit einem Notfall-Kit (Zahnbürste, Nachthemd usw.) radeln wir um Mitternacht bei Tageshelle zu unserer Bleibe.

Am Saltstraumen, dem stärksten Gezeitenstrom der Welt, beobachten wir fasziniert, mit welcher Gewalt beinahe 400 Mio qm Wasser im Wechsel der Gezeiten von einem Fjord in den anderen strömen. Selbst zum Totpunkt kommt der Strom nicht zur Ruhe. Hier ist ein Paradies für Angler und Wasservögel und ...

Die Insel Røst mit dem größten Vogelfelsen Norwegens (2 1/2 Mio Brutvögel) bleibt uns nur als unwirtlich in Erinnerung. Wir wissen nicht, wo sich die Vögel (inbes. Papageientaucher wollten wir beobachten) bei dem miserablen Wetter versteckt halten; wir selbst verkriechen uns meist in unserer Unterkunft. Selbst bei Wind und Regen entkommt man auf der Insel kaum dem penetranten Geruch von Stockfisch und Fischköpfen, die in riesigen Anlagen "trocknen" (bei diesem Wetter?). Weil wir naiverweise keine Lebensmittel mitgebracht haben und es Wochenende ist, wenden wir uns an unseren Wirt. Kein Problem: wir bekommen fangfrischen Dorsch direkt vom Kutter in die Pfanne, dazu Milch, Kartoffeln ... aus seinem Haushalt.

Gegen Mitternacht landen wir in Moskenes. Weil es taghell ist, machen wir die Nicht-Nacht zum Tag und schwingen uns auf die Räder, bummeln ein bisschen durchs mitternächtlich verwaiste Å (hübscher Ortsname mit nur einem Buchstaben). Die "Nacht" wird uns doch etwas lang und weil es empfindlich kalt und Traudls erster Fahrradtag ist, passieren wir den unangenehmen Nappstraumen-Tunnel nur noch mühsam und sind froh, endlich in Leknes zu sein. 15 Stunden Tiefschlaf machen uns wieder fit.

Das Lofotr Viking Museum zeigt einen etwa 1.500 Jahre alten Häuptlings- oder Königshof, "ausgegraben" zwar aber (fast?) ausschließlich rekonstruiert. Die Information über das Sozial- und Wirtschaftsleben, die Herrschaftsstrukturen, die germanische Götterwelt, das Zusammenleben mit den Lappen usw. finden wir interessanter.

Bei Henningsvær treffen wir beinahe zufällig auf Jochen. Bei  einer Wanderung ist er im Wasser gelandet und deshalb heute wieder mal ohne Socken in Sandalen. Um 10° C heute gelten ohnedies als komfortable Temperatur.

Die neugotische Lofotkatedralen bei Vågan war Sammelpunkt der 3.000 - 4.000 Lofotfischer und die Sitzplätze waren diesen hart arbeitenden Leuten vorbehalten. Der grandiose Blick auf die Sildpollen-Kapelle (seit 2003 will ich da wieder einmal hin) ist leider regenverhangen; ich schieße nur schnell ein "Pflichtfoto".

Das Hurtigrutenmuseum in Stokmarknes zeigt recht gut die Entwicklung der "Hurtigruten" vom ursprünglichen Post- und Warenverkehr zum heutigen Tourismusunternehmen (Werbung: "Schönste Seereise der Welt"), auch die Probleme, Havarien ... Am Kai vor dem Haus liegt zufällig gerade die "Richard With", auf der wir uns einige Tage später in Tromsø einschiffen werden.

Von Andenes (die berühmten Walsafaris fallen wegen des nach wie vor miserablen Wetters aus) setzen wir nach Gryllefjord auf Senja über und verkriechen uns schon am frühen Nachmittag vor Regen und Kälte in ein wunderbares Hotel. Ganz amüsant zu beobachten: Die Gäste einer Hochzeitsfeier balancieren in eleganten Ballkleidern durch knöcheltiefe Pfützen.

Bei Svanelmo besichtigen wir eine ehemalige, lappische Hofstatt, wohl bis vor einigen zig Jahren bewohnt. In diesem kleinen Museum, das eher versteckt ist, als dass darauf hingewiesen wird (auch nicht im Internet zu finden), gibt es keinerlei Erklärungen. Aber man fühlt geradezu, dass und wie eine Familie in dieser Umgebung gelebt und gewirtschaftet hat. Und in nächster Umgebung begegnen uns die ersten Rens. Wo auch sonst, wenn nicht auf Senja? Bald gehören die Tiere zu unserem Alltag.

Weil es an der landschaftlich wunderbaren Nebenstrecke keinerlei Unterkünfte gibt, kämpfen wir uns durch Regen und Wind bis zu Sturm (frontal ins Gesicht und teilweise auch freundlich in den Rücken, sonst ...) durch bis nach Tromsø, mit 130 km unsere längste Tagesetappe.

Des Wetters wegen legen wir Kulturtage ein. Das Polarmuseum (Nansen, Amundsen, Spitzbergen), die Eismeerkathedrale (heißt ihrer beeindruckenden Architektur wegen so, ist in Wirklichkeit nur eine Stadtteilkirche), die - tatsächliche - Kathedrale, ein Konzert, das Tromsø Museum (beeindruckende Sami-Abteilung, enttäuschender Mittelalterbereich), der Botanische Garten (alpine und boreale Flora) beschäftigen uns 3 Tage. Und ein Herzensanliegen erfülle ich mir: per Briefwahl stimme ich beim Bayerischen Volksentscheid für Nichtraucherschutz.

Mit der "Richard With" setzen wir nach Skjervøy über. Zu Traudls Geburtstag logieren wir in Gildetun, einem herrlichen Platz auf dem gut 400 m hohen und noch schneebedeckten Kvænangsfjell. Der Blick schweift weit hinüber zum Kvænangstindan und hinunter auf den Kvænanger- und den Badderfjord. Gleich hinter unserer Hütte fasziniert uns ein Minigletscher. Mehrere Sameleir (=Lappenlager) am Weg enttäuschen uns: entweder Ansammlung von Gerümpel (von Matratzen über alte Töpfe bis zu ausrangierten Computerbildschirmen) oder seelenlose Verkaufsbuden für Kitsch "Made in ..." (irgendwo in Fernost).

Bis Alta haben wir fast nur noch Wind und Regen, dazu ist es kalt und über zig Kilometer finden wir nicht einmal einen Baum oder ein Bushäuschen oder ..., damit wir uns unterstellen und im Trockenen ein Brot essen könnten.

Vor dem Alta Museum parken unzählige PKWs und Reisebusse und eben unsere zwei Fahrräder. Die Besucher sitzen bei diesem Wetter gern warm und im riesigen Café findet man fast nur noch einen Stehplatz. Zu den steinzeitlichen Felsritzungen auf dem Freigelände (Weltkulturerbe der UNESCO) bemühen sich nur wenige Unentwegte. Die Bilder wurden in mehreren Epochen vor 2.000 bis 6.200 Jahren in den Fels gemeißelt. Sie zeigen Menschen, Tiere (Ren, Elch, Fisch, Gans ...), Jagdszenen usw. Heilbutt war offenkundig das heilige Tier der Ureinwohner. Uns beeindrucken  am meisten zwei trächtige Elche (Kalb im Bauch), die vor 4 – 5.000 Jahren in den Fels gemeißelt wurden.

Die Wetteraussichten sind weiterhin miserabel und wir entscheiden uns zu einem Südschwenk nach finnisch Lappland. Vielleicht ...?