Radreise Norwegen 2010
26.5. - 18.8.2010

Trøndelag und Nordland
(Trondheim - Bodø)

In Trondheim treffe ich pünktlich und wie vereinbart Jochen, mit dem ich die nächsten 2 Wochen gemeinsam nach Norden radeln werde. Schon einige Minuten später sind wir auf der Fähre über den Trondheimfjord.

Der Frühling hat sich hier in Norwegen etwas verspätet und die Schneeschmelze war hier im Trøndelag gerade vor 2 Wochen. Bei 4 - 12° C, oft Regen, gelegentlichen kurzen Graupelschauern freuen wir uns immer auf eine warme Dusche abends. Die gute Laune lassen wir uns aber nicht verderben. Jochen ist hart im Nehmen und wartet auch schon mal 2 Stunden bei 4° C und Regen barfuß auf die nächste Fähre, in Sandalen immerhin. Wegen des unangenehmen Wetters setzen wir nicht auf eine der Vogelinseln über, Lovund zum Beispiel. An Salsnes in 2003 erinnere ich mich als zundertrocken, braun und beinahe mediterran anmutend. Jetzt aber sinkt man neben der Straße knöcheltief im Morast ein. Der "Jahrhundertsommer" 2003 wiederholt sich nicht so schnell. Die "Sieben Schwestern", eine imposante Bergkette bleiben in Regen und Nebel verborgen.

Zwei Elchkühe grasen abseits der Straße, trollen sich bald und lassen sich leider von uns nicht porträtieren. Eine Frau klagt, dass sich die Tiere besonders gern an Erdbeerpflanzen in ihrem Garten gütlich tun. Wenn sie aber dann mit Kartoffeln nach ihnen wirft ... Erst 7 Wochen später entdecke ich wieder einen Elch.

Brønnøysund ist die erste Stadt am Weg, hat immerhin beinahe 4.500 Einwohner und ist deshalb ein überregionales Zentrum mit Flughafen (so klein, dass keine Fahrräder dorthin mitgenommen werden), mehreren Hotels usw. Weil "die Ölindustrie" hier gerade tagt, finden wir armen Radler kein Bett und weichen nach Torghatten aus. Macht nichts. So haben wir gleich am nächsten Morgen den besten Startpunkt zur Wanderung auf den berühmten Berg. Das riesige Felsloch (35 m) hoch oben hat der Hestmann, eine norwegische Sagengestalt, mit einem Pfeilschuss "gebohrt".

Die Straße RV17, der Kystriksveien, schlängelt sich entlang der Küste und wir genießen geradezu die unzähligen Fährüberfahrten (so empfinden wir das, in Wirklichkeit sind's nur 6) über kleine und auch größere Fjorde, gelegentlich mehrere am Tag. Obwohl manche der Fähren selten verkehren, planen wir nicht und warten trotzdem selten lang auf die nächste Abfahrt. Auch den Polarkreis queren wir auf der Fähre von Kilboghamn nach Jektvik. Der große Touristenstrom braust weiter landeinwärts auf der E6 nach Norden und lässt sich von Fähren nicht aufhalten. Und entlang der RV17 wird man immer wieder mit der dunklen Vergangenheit konfrontiert: Ausstellung über deutsch-norwegische Kriegskinder in Nesna (besuchen wir nicht), Reste einer Küstenbatterie bei Grønsvik, Neuaufbau von Bodø vor 60 Jahren ...

Der lange Svartisen-Tunnel ist für Radfahrer gesperrt. Wir wollen uns nicht als Tunnel-Helden gebärden und nehmen auch keinen Bus, obwohl uns die Campingwirtin von Forøy die Umgehungsstraße nach Vassdalsvik als "very hilly" geradezu androht. Es ist dann eine unserer flachsten Etappen und das Sträßchen entlang dem Hognakken und dem Bærangfjord ist in jeder Hinsicht ein Genuss. Ein kleiner Glassplitter bremst uns leider. Jochen flickt ganz routiniert, aber die nächste Fähre in Vassdalsvik ist jetzt weg. Wir legen eine Zwangspause ein und streunen ein bisschen durch die Umgebung, fotografieren viele rote Häuschen, Stockfischdarren ... Der Himmel ist gnädig mit uns; schließlich ist Sonntag heute. Nur der Campingplatz heute Abend in Mevik, Minusrekord der gesamten Reise, trübt den Tag ein bisschen.

Wenn auch immer noch kühl, ist heute ein strahlend sonniger Tag. Dem Sørfjord entlang über Inndyr (beeindruckend bewachsene Dächer, geradezu Naturwiesen), Sund und Horsdal kommen wir nach Våg. Dort warten wir in einem Strandcafé (kombiniert mit Supermarkt, Werkzeug- und Bauwarengeschäft, Poststelle ..., was man eben so braucht) lang auf das Speedboat, das uns nach Bodø bringt. Den verkehrsreichen und steilen Umweg über die RV17 ersparen wir uns.

Das Schnellboot transportiert Post, Kisten mit frischem Fisch, eine Maschine ... und legt an mehreren kleinen Inseln an. Wenige Passagiere steigen ein oder aus. Die Inselchen, die einsamen Häuser, die Felsformationen haben es uns angetan und wir werden vom Fotofieber befallen.

Wir erreichen Bodø zwei Tage vor Plan. Der Campingplatz liegt traumhaft am Wasser vor schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Das späte Licht ist so weich, dass wir beide geradezu zwanghaft fotografieren "müssen". Und bei kaum 10° C hole ich mir heute sogar einen leichten Sonnenbrand. Seit Wochen streikt der Öffentliche Dienst und neben Geld wird auch um Gleichberechtigung im Beruf gekämpft; mein Norwegen-Bild kommt etwas ins Wanken.

Wie vereinbart trennen sich unsere Wege in Bodø. Jochen fährt allein weiter (jetzt mit Zelt) und ich erwarte in 2 Tagen Traudl (wir wollen nächstens ein festes Dach überm Kopf).

„Die zahlreichen Gebäude dieses traditionsreichen, idyllisch gelegenen Handelsplatzes ... Hier können Sie den Alltag von Knecht und Magd spüren, wenn Sie sich in den alten Gebäuden ... Im alten Laden können Sie sich wie früher eine Tüte Drops kaufen ...“  1) Ich muss also nach Kjerringøy! Zwei Holländer stolpern mit mir suchend übers Gelände, etwas Gerümpel (modernes zudem!) und verschlossene Gebäude. Auch die groß angekündigte Ausstellung über die Verfilmungen von Knut Hamsuns Werken ist „stengt“. Aber der Weg von Bodø nach Kjerringøy zwischen dem Melleretfjellet und dem imposanten Steigtinden hindurch (beide knapp 800 m) entschädigt.

1) Aus dem Stadtprospekt von Bodø (Ich will mich keines Zitatfehlers schuldig machen)