Radreise Nordsee

von der Lüneburger Heide nach Dänemark
1.9. - 11.9.2009

Weitgehend dem Mittellandkanal entlang radle ich in Richtung Elbe. Die Gegend nördlich Wolfsburg ist einsam; ich treffe nicht in jeder Stunde auf Menschen. In Breitenrode schließlich komme ich in die neuen Bundesländer und als erstes genehmige ich mir ein Köstritzer. Irgendwo unterwegs treffe ich auf Thomas aus Celle. Er will auch nach Magdeburg und so strampeln wir zusammen und lachen laut heraus, als wir feststellen, dass er manchmal beruflich in Grünseiboldsdorf zu tun hat. Das ist kaum 3 km von meiner Haustür und da bin ich jahrelang beinahe jeden Morgen entlang gejoggt. Unsere letzten gemeinsamen Kilometer führen durch den schönen Herrenkrugpark und beim Abschied bemerken wir, dass eigentlich jeder von uns anhalten, genießen, fotografieren wollte, aber geglaubt hat, der andere wolle sich nicht aufhalten und nur schnell in die Stadt.

Von einem hervorragenden Stadtführer, der in seinem Enthusiasmus kaum zu bremsen ist, lerne ich viel über die Stadt und insbes. auch die neuere Geschichte bis heute. Dass er Otto d. Gr. zum ersten römisch-deutschen Kaiser erklärt, ist wohl dem Lokalpatriotismus des Herrn zuzurechnen. Mit dem Magdeburg von heute werde ich aber auch auf dieser Reise nicht warm: zu weitläufig, kahl, abweisend, nüchtern und außerdem regnet es in Strömen.

Ich habe sie schon vermisst: Ex-DDR-Plattenwege. Jetzt muss ich am Deich leider einige Kilometer auf ihnen dahinhoppeln. Ab Ihlenburg kann ich auf die Straße ausweichen und bin dann bald in Jerichow mit seinem Kloster aus dem 12. Jahrhundert, vermutlich der älteste romanische Backsteinbau Norddeutschlands.

In Arneburg versperrt mir eine Baustelle den Weg und ich frage einen Passanten. Der Mann zeigt mir Bilder der früheren Stadtallee mit über 100-jährigen Linden und Eichen. Das alles wird jetzt im Rahmen der Stadtsanierung niedergemacht. Ja, und einige junge Bäumchen werden auch gepflanzt. Er weint beinahe beim Gedanken an die die Verschandelung seiner Stadt.

Ab der Wüstung Käcklitz radle ich gemeinsam mit Margot, topfit mit 76 und begeisterte Radlerin: "Ich muss aber immer allein radeln, weil niemand mit will. Das ist denen zu anstrengend." Als wir gerade wieder einmal die Karte studieren, stoppt ein junges Paar und fragt recht gönnerhaft: "Ist alles in Ordnung? Kommen Sie zurecht? Können wir helfen? ..." "Und wohin wollen Sie selbst?" "Nach Wittenberge!" Nach einem kurzen Blick auf die dünnen Beine der jungen Frau meine ich nur: "Das ist aber noch ganz schön weit." Noch weit vor Wittenberge (dort sind im Übrigen die blühenden Landschaften noch nicht angekommen) treffe ich die beiden am nächsten Tag wieder: "Na, haben Sie's gestern nicht mehr ganz geschafft?" "Leider nein. Gegenwind ... Regen ...". Seltsamerweise hatte ich nur bestes Wetter. Ich trete bewusst etwas strammer in die Pedale und lasse die beiden schnell weit hinter mir.

An einem abendlichen Stammtisch wird mir die ganz eigene nach Osten gerichtete EX-DDR-Erfahrungswelt bewusst. "Jaja, natürlich hinter dem Ural ..." "Nein, in der Ukraine heißt das ..." "Kam der Sergej aus Sibirien ...?" Und in den Wirren der Wendezeit wurden so manche krummen Geschäfte getätigt. Einer der Männer hat von einem russischen Offizier Rohre gekauft und Probleme sie abzutransportieren, LKW zu klein, Boden matschig ... Ein anderer pumpte heimlich Sprit aus einem Tanklager und wurde zufällig von einem Aufklärungsflugzeug gefilmt. Ein zweiter Offizier musste dann - gegen Bestechung natürlich - aus dem Schlamassel helfen. Einige der Ex-Rotarmisten sind dann später wieder gekommen, der eine als Big Boss, der andere als Bauarbeiter ... Ein interessanter und lustiger Abend.

Bis zur Wende war Schnackenburg ein abgelegenes Dorf im letzten Winkel unseres Landes, kein Laden, kein Gasthaus ... Eine Zeitung titelte: "Und freitags kommt der Friseur." Heute sehe ich hier ein blühendes Dorf mit Gaststätten, Hotels, Läden ... Das Grenzmuseum ist teils ganz informativ (z. B. der genaue Wortlaut des DDR-Schießbefehls, Struktur der Grenzanlagen), andererseits interessieren mich weder die Rangabzeichen der westlichen noch der östlichen Grenzwächter. Hier in diesem Bereich der Elbe hat es besonders viele Zwischenfälle und Grenztote gegeben. Ich kann dabei leider nicht vergessen, dass an der Südgrenze der Welt-Tugendwächter mehr Todesopfer zu beklagen sind als an der DDR-Grenze.

Nicht weit von Gorleben begegne ich einem Planwagen. Ja, was ist denn das? Hier muss ich einfach stehen bleiben. Wir unterhalten uns dann lang. Die beiden jungen Leute kämpfen für ein gentechnikfreies Europa und sind dafür 2 Jahre und 8.000 km per Pferd durch Europa gereist.

Mit dem Zug fahre ich nach Scharbeutz an die Ostsee und tingle entlang der Küste durch die schönen Badeorte Haffkrug, Sierksdorf, Neustadt/Holstein, Grömitz ... nach Norden. Hier wird sogar noch gebadet.

Das herbstliche Fehmarn hat speziellen Reiz. Bei Westermarkelsdorf träume ich am beinahe menschenleeren Strand lang vor mich hin und beschließe, nach Dänemark und vielleicht anschließend Schweden weiter zu reisen.

Obwohl durch die Eröffnung der Öresundbrücke (Kopenhagen - Malmö) vor 10 Jahren die Vogelfluglinie ihre Wichtigkeit verloren hat, verkehren über den Fehmarnbelt immer noch alle 30 Minuten Fähren in beide Richtungen und in einer dreiviertel Stunde bin ich in Dänemark. In Rødby bekomme ich keine passende Landkarte und radle aufs Geratewohl in Richtung Maribo, der einzigen Stadt in der Gegend, die ich kenne. In dem Provinzstädtchen besorge ich mir eine Radkarte, besuche den Dom (frühe Backsteingotik), setze mich mit einem Kaffee auf den Marktplatz und genieße die Sonne und das Flair. Quer durch Lolland nasche ich dem Weg entlang so viel Wildpflaumen, Brombeeren, Äpfel, dass ich das später bereue.

Gegen harten Wind ist der Weg über die große Storstrømbrücke mühsam und in Vordingborg finde ich schnell ein gutes Hotel. Das Städtchen wirkt heute Abend wie ausgestorben, weil die Fußball-Nationalmannschaft gegen ... spielt (die Bedienung im Restaurant interessiert das so wenig wie mich).

Wegen eines Todesfalls in der Familie muss ich meine Reise abbrechen und radle am nächsten Tag nach Puttgarden zurück. Mit 7 Zügen und nach beinahe 18 Stunden komme ich gegen Mitternacht heim. In diesem Jahr werde ich keine weitere Radreise mehr unternehmen.