Radreise Nordsee

von Emden in die Lüneburger Heide
19.8. - 31.8.2009

Unser gebuchtes Hotel habe ein hervorragendes Fischrestaurant und so malen wir uns schon während der Zugfahrt nach Emden unser Abendessen aus: "Vielleicht Scholle?" "Oder gaaanz frischen Matjeshering?" "Die haben bestimmt eine gute Fischsuppe ..." "Sicher alles fangfrisch." Die Wirklichkeit ernüchtert dann: Scholle geschmacksfrei. Nun ja, wir werden weitere Gelegenheiten haben. Das Ostfriesische Landesmuseum zeigt sehr gut friesische Geschichte, späte Christianisierung, Eigenbrötelei ... Die Sonderschau "Unter der Tora - Sie waren Deutsche, Ostfriesen, Juden" zeigt angenehm ausgewogen das Leben der jüdischen Gemeinde in Emden.

Norderney ist restlos ausgebucht. Aber nun sind wir mal hier und brauchen ein Bett. Schließlich werden wir nach einem beinahe verschwörerischen Treff ("Kommen Sie um 1/2 4 Uhr zum Brunnen vor dem Alten Rathaus") in einen Kellerverschlag geführt. Das Hotel für die zweite Nacht ist dann auf andere Art absonderlich. Tja, auf Norderney muss man eben nehmen, was und wie man's kriegt. Wir bummeln per Rad über die Insel, Dünen, Strände, Sanddorn, Strandhafer, Muscheln ... Im Kurpark wird "Evita" von Andrew Lloyd Webber aufgeführt. Die Schauspieler/Sänger sind hervorragend, aber mit der unbeholfenen Übersetzung ins Deutsche kann zumindest ich mich nicht anfreunden.

Das Teemuseum in Norden ist ganz interessant, insbesondere der Teil über Teeanbau. In Dornum finden wir wieder kein freies Zimmer. Aber Hartnäckigkeit hilft oft weiter und schließlich räumt in einem Hotel der halbwüchsige Sohn sein Jugendzimmer für eine Nacht.

Langeoog empfinden wir viel angenehmer als Norderney, autofrei, keine Strandbebauung, Naturstrände (wegen anderer geologischer und hydrologischer Bedingungen müssen sie auf Norderney befestigt werden). Auf den Sandbänken in Richtung Spiekeroog können wir Robben beobachten.

Im Muschelmuseum Hooksiel ist gerade der private Besitzer anwesend. Er ist 40 Jahre zur See gefahren und hat seine Exponate aus aller Welt selbst zusammengetragen. Wir lernen Muscheln von Schnecken unterscheiden, erfahren viel über Perlenentstehung und -zucht, über Qualitätsmerkmale, Formperlen, Importbeschränkungen usw.

Neustadtgödens bezeichnet sich als schönstes Dorf Frieslands. Wenn außer der Kirche und der Synagoge auch den anderen Häusern der "Schmuck" der penetrant uniformen Nasenschilder erspart geblieben wäre, könnten wir einverstanden sein. Wir finden hier keine Unterkunft und landen dann schließlich in Dangast, einem reinen Ferienort.

Der ganze Weg nach Worpswede ist ausgesprochen reizvoll. Zuerst um Oldenburg topfebene Marschlandschaft mit hübschen Gehöften, saftigen Weiden unterbrochen durch Bäume, Baumgruppen, Wäldchen, Rinder- und Pferdeweiden. Dann durch hübsche Vororte von Bremen (Vegesack, Burglesum, Lesum) und schließlich entlang Lesum, Wümme und Hamme durch schöne Moorgebiete. Das weiche Streiflicht der Abendsonne tut das Seine noch dazu und wir freuen uns über diesen herrlichen Tag.

Worpswede hat seinen alten Charme teilweise erhalten mit sorgfältig restaurierten alten Häusern (i. d. R. alte Hofstellen), Jugendstil-Bahnhof usw. und hat auch heute noch eine rege Kunstszene. Wir besuchen das Museum im Modersohn-Haus mit einigen Werken der beiden Modersohns, Paula und Otto, natürlich des Worpswede-Übervaters Mackensen und anderer. Für mich neu und interessant finde ich den Lebensweg Heinrich Vogelers.

"Haben Sie ein Zimmer frei?" "Das ist aber schwierig." "???" "Heute ist Heideblütenfest und ich habe kein freies Zimmer mehr." "Wo könnte ich vielleicht sonst fragen?" "Weiß ich nicht. Aussichtslos." "Nun denn ..." "Warten Sie, die kommen vielleicht erst morgen." "???" "Kann schon sein, dass die erst morgen kommen." "???" Mittlerweile erzählt die Wirtin den Essensgästen, dass "die vielleicht erst morgen kommen", dann den Thekengästen und mir noch ein paar mal. "???" "Da muss ich doch einmal in meiner Liste schauen, ob die erst morgen kommen." "???" "Ich kann doch nicht Ihnen das Zimmer geben, wenn die schon heute hier sind." "Könnte ich ...?" "Ja, Moment bitte. Ich schau mal, ob die erst morgen kommen." Die Wirtin dreht noch einige verbale Pirouetten und stellt dann fest, dass "die erst morgen kommen." Das kommuniziert sie den Essensgästen, den Thekengästen und mir mehrfach, kramt nach dem Schlüssel und erklärt abschließend noch einmal, es wäre schwierig gewesen , "wenn die schon heute gekommen wären". Die Gäste namens "die" brauchen heute das Zimmer nicht und wir können einziehen. Schade dass Traudl vor dem Hotel in Schneverdingen Räder und Gepäck bewacht und diesen köstlichen Dialog nicht miterleben kann.

Durch die blühende Heide radeln wir zum Wilseder Berg. In Undeloh tummeln sich Touristen wie zur Hochsaison an der Adria und eine Wirtin bestätigt meine Vermutung, dass der überall angebotene "Heidehonig" durchaus nicht immer heimischer Provenienz ist.

Die gotische Innenstadt von Lüneburg erinnert uns in vieler Hinsicht an Landshut. In Uelzen bewundern wir den Hundertwasser-Bahnhof; ich kenne ihn bereits von einer früheren Radreise. Auf einem schlicht unzumutbaren Radweg stürzt Traudl in einem Sandbunker, verletzt sich und braucht erstmal eine Pause. Meine Reifen sind einige Millimeter breiter und geben mir auf solchen Passagen mehr Sicherheit. Das Museumsdorf Hösseringen gibt einen guten Einblick in das frühere Leben in der Heide, insbesondere die hiesige Landwirtschaft.

Traudl "darf" schon morgen wieder arbeiten gehen und wir müssen uns deshalb in Celle am Bahnhof verabschieden. Hier gilt eben frei nach Gorbi: "Wer zu jung ist, den bestraft das Leben." Die Zugfahrt beginnt erstmal mit reichlich Verspätung, unzugänglichem Radabteil und der bekannt zuverlässigen Desinformation der Deutschen Bahn. Ich selbst darf weiterradeln, bis mich das Herbstwetter heim schickt.