Lahnradweg 2014
17. - 23.9.2014
 


Oberes Lahntal


Herbst!


In Wetzlar


Marburg


Auch im Regen gute Laune


Wetzlar


Runkel


Deutsches Eck
Nach meinem Rückflug aus Estland steht noch die beinahe schon traditionelle, kleine Radreise  mit Klaus aus. Es ist schon Herbst. Wir reden uns die etwas "durchwachsenen" Wetterprognosen schön. Los geht's!

Ich reise per Bahn an nach Siegen. Es gibt keinen Bahnsteiglift. Die Fußgängerzone ist eine lärmende Großbaustelle. Der Stadtplan auf dem Bahnhofsplatz zeigt nicht, wie ich mit dem Rad auf die andere Seite des Flusses komme. Die Radwegweisung ist spärlich und wenig hilfreich. Kurz: Die Stadt setzt andere Prioritäten. Das Siegtal ist dicht besiedelt und ein Zentrum der Stahlverarbeitung. Fast entlang dem ganzen Weg reiht sich Fabrikgebäude an Fabrikgebäude, meist kleine, mittelständische Firmen. Die Dörfer sind schmucklos. Das Gasthaus unmittelbar an der Lahnquelle ist voll ausgebucht und ich bleibe für die Nacht in Werthenbach.

Die direkte Straße zur Lahnquelle ist wegen Bauarbeiten gesperrt und die Umleitung weit. Eine Gruppe Sportradler weiß einen Waldweg zu meinem Ziel: "Das ist aber schwierig zu finden ... dann rechts ... dort nicht abbiegen ..." Ich schalte auf "Durchzug" und mit einem bisschen Gespür meistere ich problemlos all die ach so schwierigen Abzweigungen und Nicht-Abzweigungen. Klaus reist per Auto an und wir treffen uns wie geplant an der Lahnquelle.

Die ersten Kilometer führen schön bergab. In dem feuchten Wetter sprießen rechts und links des Wegs reichlich Pilze. In Feudingen erzählt uns der Ortsvorsteher (er radelt selbst auch gern) viel über Natur und Kultur der Gegend. Eine bessere Einführung in die Region hätten wir nicht bekommen können.

Das Landgrafenschloss in Biedenkopf thront hoch über dem schmucken Städtchen. Dort zeigt das Hinterlandmuseum ganz nett das Übliche: alte Gerätschaften, Geschichte der Region, Stadtbrände usw. Biedenkopf wurde 1867 zwangsweise preußisch und so steht in dem schmucken Städtchen am Marktplatz doch tatsächlich noch ein Denkmal für die Gefallenen der Kriege von 1866 und 1870/71.

Es nieselt einige Male. Schließlich entscheiden wir uns doch zur Weiterfahrt. In Sarnau finden wir ein nettes Unterkommen in einer ehemaligen Scheune, die gekonnt zum Hotel umgebaut ist. Die Inhaberin ist militant umweltbewegt und esoterisch. So esse ich z. B. Bratwürste mit Hopfenblüten. Schmeckt ausgezeichnet. In den Prospekthaltern dominieren Broschüren aller möglichen Heiler und Heilverfahren.

Das Lahntal gefällt mir erheblich besser als das Siegtal. Es ist weniger dicht besiedelt und vor allem weniger industrialisiert. Die Dörfer strahlen angenehm dörfliche Atmosphäre aus und sind nicht städtische Siedlungen, die aufs Land verpflanzt sind. Die Wegführung ist verkehrsarm.

In Marburg besuchen wir die Elisabethkirche, eindrucksvolle Gotik. In einer dunklen Ecke versteckt liegt Hindenburg begraben. Am liebsten würden viele Marburger das Grab verschweigen. Warum wird es dann nicht endlich aufgehoben? Durch die malerisch schöne Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern steigen wir hoch zur Burg. Im Museum gehen wir fast alle Ausstellungen durch: Waffen, sakrale Kunst usw. Am meisten beeindruckt und erstaunt bin ich von der Ausstellung über Märchen, insbes. auch die Gebrüder Grimm, die in Marburg gelebt haben. Entgegen der verbreiteten Meinung haben sie sich die Märchen nicht von alten Leuten in den hessischen Dörfern erzählen lassen, also Volksmärchen gesammelt. Nein, sie haben junge Damen aus dem städtischen Bildungsbürgertum befragt. Einige dieser Damen hatten ausländischen Hintergrund und so sind viele der Märchen in Wirklichkeit französischer, italienischer oder russischer Provenienz. Sehr schön herausgearbeitet ist, wie in den Märchen, die einzelnen Stereotypen eingesetzt werden (hässlich, hübsch, unverschuldete Not usw.).

Die alte Industriestadt Wetzlar (Leitz, Zeiss, Buderus …) liegt herrlich an der Lahn und wir rollen über die alte Lahnbrücke in die malerische Innenstadt. Hier ist alles konzentrierter als in Marburg. Die Fachwerkhäuser unterscheiden sich wohl nur für Fachleute von den dortigen. Der Dom ist eine der ältesten Simultankirchen. Das Hauptportal und die spezielle Verklammerung von Romanik und Gotik sind beachtenswert.

Bei Weilburg bzw. um (das alte) Weilburg herum macht die Lahn eine beinahe 180-Grad-Wende. Es sei weltweit die einzige Stadt mit einem Schiffstunnel durch den Bergrücken sowie einem Straßentunnel und einem Bahntunnel. Der Weg in die Altstadt ist uns zu steil. Bei angenehmem Wochenendwetter wimmelt die Lahn ab Weilburg von Paddlern. Aus einem gekenterten Kanu retten sich gerade drei Mädchen ans Ufer. Sie haben ihren Spaß und brauchen keine Hilfe.

Zu früh glaube ich, die Türme des Limburger Doms zu erkennen. Es erweist sich dann nur als eine hoch aufstrebende Dorfkirche und ich verliere gegen Klaus eine Wette um Schnaps. Wir besuchen im Limburg Klaus' Freund und haben einen besonders vergnüglichen Abend (ich erweitere meinen Wetteinsatz um eine Runde). Am nächsten Tag ist leider der Dom gerade für Besucher gesperrt. Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die inkriminierte Bischofsresidenz. Dem Vernehmen nach hat der Skandal um den verschwenderischen Bischof zusätzliche Besucher in die Stadt gebracht und die Gastronomie hat profitiert.

Am Sonntagmorgen in Limburg regnet es in Strömen und ist empfindlich kühl. Nicht das erste Mal, aber es wird Dauerregen prognostiziert. Müssen wir unbedingt bis Lahnstein oder Koblenz per Rad? Es gäbe ab Limburg gute Zugverbindungen. Innerhalb Sekunden: "Jetzt erst recht!" Wir ziehen Regenkleidung über, Jacke, Hose, Helmüberzug. Ich wohne im ersten Haus am Platz und in diesem gehobenen Ambiente bieten die beiden Herren in Regenzeug einen etwas befremdlichen Eindruck. Wir amüsieren uns. Los geht's!

Die Radwegweisung in Limburg ist miserabel und fehlt teilweise. In Diez finden wir endlich wieder zurück zum Lahnradweg. Wir kurbeln ruhig, halten uns damit warm, meditatives Wohligsein kommt auf. Der Dauerregen stört uns bald nicht mehr. In Oberhof, dem ersten Weindorf an der Lahn, genehmigen wir uns einen guten Schoppen. Ich nehme dazu „Handkäs mit Musik“. Der Käse ist nicht reif und die Marinade eine Zumutung. Pünktlich zur Weiterfahrt setzt wieder Regen ein. Ja, wir hatten keinen völlig trockenen Tag während dieser Reise.

Bis Nassau quälen uns ein paar unangenehme Steigungen. Während des Abendessens schleppt sich ein alter Herr mühsam auf Krücken ins Lokal. Die Wirtin kennt ihn schon und lächelt etwas verlegen entschuldigend in unsere Richtung. Der Mann erzählt mit brüllender Stimme dem einzigen Zuhörer seine vergangenen Großtaten, ein paar schlüpfrige Witze und sein direkter Vorgesetzter im Finanzamt sei doch tatsächlich ein Oberamtsrat gewesen. Das Bier ist bald ausgetrunken und der Vorrat an Heldentaten erschöpft. Nur ein Witz wird sicherheitshalber wiederholt. Wir haben bald wieder unsere Ruhe.

Bad Ems überrascht mit den Resten seiner altehrwürdigen Eleganz. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie hier die große Gesellschaft vor mehr als 100 Jahren gekurt hat. Und Bad Ems erinnert natürlich an die "Emser Depesche". Bismarck benützte sie, um Frankreich zum Krieg gegen Preußen zu provozieren. Wahrscheinlich eine der größten Intrigen des preußischen Kanzlers.

Wir sind dann bald in Koblenz. Dort besucht Klaus einen Freund und freut sich, eine von ihm entworfene Uhr im Schaufenster zu entdecken. Nach einer letzten gemeinsamen Mahlzeit mit Schnäpschen (geht noch auf meine Wette) nimmt Klaus den Zug nach Feudingen. Dort steht sein Auto. Nach einigen Stunden ruft Klaus an: "Bei Weilburg ist die Bahnstrecke durch gestürzte Bäume gesperrt. ... Das Weiterkommen ist ungewiss." Lang danach dann die Entwarnung: "Der Ersatzbus hat auch mein Rad mitgenommen (ist bei der Bahn nicht die Regel!). Ich werde zwar später aber noch heute nach Feudingen und dann heim kommen."

Ich bleibe noch einen Tag in Koblenz. Der Stadtführer, ein ehemaliger Bundeswehroffizier, garniert seinen fundierten Vortrag mit netten Anekdoten aus der Stadtgeschichte. Er ist geschichtsfest und bleibt keine Antwort schuldig. Als ich moniere, die Bedeutung von St. Kastor sei zu kurz gekommen, plaudert er locker über die beiden Reichsteilungen und ihre Nachwirkungen. Ich lerne dabei Neues.

Im Forum Confluentes besuche ich das Romanticum, ein Museum über das Obere Mittelrheintal. Hier wird mit allen alten Zöpfen von Museen gebrochen (zu kleinen Inschriften, wahllose Reihung usw.). Man führt sich selbst interaktiv durchs Museum. Zum Beispiel kann man eine Rheinreise vom Steuerstand eines Schiffes aus quasi live miterleben, mit Geräuschen, fahrenden Autos am Ufer, Blick in den Rückspiegel usw. Die Strecke wählt man frei.

Die Unwetter der letzten Tage wirken sich wegen Überflutungen usw. auch heute noch weiträumig auf den Bahnverkehr aus. Zunächst wird mein Zug mit 20 Minuten Verspätung angekündigt, bald werden daraus 25 Minuten und kurz darauf wird wegen eines Personenunfalls vor Frankfurt eine weitere unbestimmte Verzögerung gemeldet. Mit ein bisschen Verspätung komme ich um Mitternacht nach Moosburg.
  mehr Bilder

Zum Seitenanfang