Radreise Jakobsweg

Auf dem Camino
12.5. - 28.5.2009

Ich Glückspilz quere den Ibañeta-Pass bei bestem Wetter. Überall lese (Kerkeling, Selby ...) und höre ich (später von anderen Pilgern) nur von Nebel, Schnee, Regen, Rettungsaktionen ... am Pass. Das Rolands-Denkmal dort oben erinnert an den Rückzug Karls d. Gr. aus Spanien und insbes. die Bedeutung des Passes zur Verbindung Europas mit dem damals bekannten Ende der Welt in Galicien. In Roncesvalles, Kloster und Pilgerstation am Pass, treffen mittlerweile die ersten Fußpilger ein, die sehr früh heute in St. Jean gestartet sind. Erfahrungen werden ausgetauscht und wunde Füße versorgt. Schon um 14 h ist das Refugio (Pilgerherberge) ausgebucht.

In Pamplona wohne ich im Zentrum und genieße spanische Lebensart, lebhaft, lärmend und kommunikativ bis in den späten Abend. Hemingway ist noch nicht vergessen,  aber die Sanfermines im Juli seien mittlerweile zu einem ordinären Volksfest verkommen, möglicherweise gerade wegen der internationalen Publizität durch den berühmten Autor. Ich plaudere mit Pete und Jane aus Australien (für die 6-monatige Reise haben sie ihren Job aufgegeben), Mathias aus Polen ("ich bin jetzt jung und will reisen, reisen, reisen ...") und Leuten aus Belgien, Korea, Holland usw.

In Puente la Reina trifft der aragonesische Zweig des Jakobswegs, vom Somport-Pass kommend, auf die Hauptroute und ab hier führt nur noch ein Weg nach Santiago de Compostela. Die Brücke über den Rio Arga ist eines der beliebtesten Fotomotive am Camino und es herrscht hier "reges Pilgertreiben".

Estella (ehemalige Königsresidenz von Navarra), Kloster und Weingut Irache (aus der berühmten "Weinquelle" fließen heutzutage täglich nur noch 70 Liter; mir reicht's), los Arcos (sehenswerte Kirche Santa Maria), Torres del Rio (oktogonale Kirche; am "Schlüsseltelefon" meldet sich niemand und ich muss draußen bleiben), Logroño (wichtige Furt über den Ebro), Santo Domingo de la Calzada (wegen der heutigen Fiesta San Isidro kann ich weder das Huhn in der Kirche besuchen noch eine Unterkunft finden), Belorado (auch hier wird San Isidro gefeiert, aber mit einer kleinen Notlüge komme ich zu einem Bett für die Nacht) reihen sich aneinander und ähneln sich bei aller Verschiedenheit doch: Pilgerstation seit Jahrhunderten, Reichtum (mal eher vom Weinanbau und mal eher von den durchziehenden Pilgerströmen) wird in der Kirche präsentiert (z. B. in los Arcos), Legendenbildung um frühe Pilger .... Wein- und Getreidefelder erstrecken sich weitläufig bis zum Horizont.

Beim Frühstück in Belorado treffe ich Horst und Manfred aus Oldenburg. Wir plaudern, reparieren einen Flugtransportschaden an Manfreds Rad und radeln dann gemeinsam weiter.  Über die Meseta, eine wellige Hochebene mit weitläufigen Getreidefeldern (die würde ich gern im Hochsommer sehen) strampeln wir nach Burgos und lassen den Tag mit hervorragenden Tapas ausklingen. Weiter geht's über die Meseta und beinahe einsame Wege durch die kleinen und etwas verschlafenen Dörfer Hornillos del Camino, Hontanas, Boadilla del Camino (gotische Gerichtssäule, schönes Refugio), Frómista, Carrión de los Condes, Calzadilla de la Cueza mit meist weniger als 100 Einwohnern und nichts mehr als einer schlichten Kirche und einem Refugio. Für mich eine der eindrucksvollsten Strecken des Camino.

Sahagún mit seinen beinahe 3.000 Einwohnern ist wieder mal eine richtige Stadt. Wir bummeln durch den Ort (Benediktstor, Basilika), freuen uns über die Störche auf dem Dach der Klosterruine und haben einen besonders vergnüglichen Abend mit mehreren caña Bier.

Schon seit Tagen gelüstet mich nach gesalzenen Erdnüssen. Manfred kann Spanisch und fragt danach. Aber der Ladner schaut uns so verständnislos an ("Cacahuete con sala? ... Con Sala?") als habe ihm Manfred einen unsittlichen Antrag gemacht. Gesalzene Erdnüsse gibt es in Spanien einfach nicht, so wenig wie Pfefferminztee in Norwegen, einen Käsehobel in Frankreich oder Ölsardinen in Neuseeland (igitt: in Quellwasser). Ich amüsiere mich immer wieder über solch kleine und dabei völlig unbedeutende, interkulturelle Unterschiede.

.In León trennen wir uns, weil für meine beiden Mitradler die Zeit knapp wird. Die Suche nach einem Bustransfer ist nervtötend. Zwischen "Keine Möglichkeit" und "Kein Problem. Morgen früh um ..." schwanken die Auskünfte. Nun, letzten Endes müssen sie doch radeln und haben noch einige Bergstrecken vor sich.

Der Dom in Astorga ist wegen Renovierung unzugänglich, das Glockenspiel am Rathaus historisch und optisch interessant aber eigenartig klingend. Über das neogotische Bischofspalais von Gaudí darf man sicher geteilter Meinung sein. Auf dem Marktplatz nasche ich - ausnahmsweise ausgiebig - von den berühmten Süßigkeiten Astorgas.

Über Rabanal (mehr Refugios als Einwohner? Tochterabtei der Benediktiner von St. Ottilien), Foncebadón (wo bleiben nur Kerkelings wilde Hunde?) bin ich bald am Cruz de Ferro, dem "Dach des Camino" auf 1.500 m Höhe. Hier legt jeder Pilger einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab.

Ponferrada war ein Stützpunkt des Templerordens. Weil der weitere Weg nach Galicien beschwerlich ist,  dürfen Alte und Kranke in Villafranca del Bierzo ihre Pilgerreise abbrechen und bekommen doch den vollen Ablass.

Blanker Kommerz und Restaurationswut haben die Asterix-Atmosphäre von o Cebreiro verdrängt, die Kerkeling vor einigen Jahren dort noch empfunden hat. Obwohl mich der Aufstieg beinahe die letzte Kraft gekostet hat, fliehe ich geradezu und quäle mich noch über den Alto San Roque hinauf auf den Alto do Poio, mit 1.337 m höher als mein Pyrenäenübergang, und falle fast nur noch ins Bett.

Das historische Portomarín versank vor rund 50 Jahren in einem Stausee und wurde einige Meter höher neu aufgebaut. Selbst die nicht gar so kleine Kirche San Nicolás wurde versetzt. Vollgedröhnt von 4 Fernsehern im Restaurant (so ist das hier üblich), erlebe ich einen spanischen Fußballabend. Die Gäste sind kaum zu halten und ein paar Gläser gehen auch zu Bruch. Hier in Portomarín begegnen mir erst- und einmalig Pilgerreiter; um die Compostela zu erhalten müssen sie wie auch Fußpilger 100 km nach Santiago zurücklegen.

Galicien ist die regenreichste Region Spaniens und so komme ich schließlich gut durchfeuchtet und vollgedreckt (im Regen rieche ich weder den Duft der Eukalyptuswälder noch den Gestank der Viehwirtschaft) in Santiago de Compostela an. Obwohl auf Schritt und Tritt Unterkünfte angeboten werden, stelle ich mich erst einmal anderthalb Stunden lang im Pilgerbüro an, beantworte ein paar inquisitorische Fragen ("Wirklich nur mit dem Rad gefahren? ...") und bekomme meine Compostela. Horst und Manfred sind seit gestern in der Stadt und müssen morgen fliegen. Wir verbringen noch einen netten Abend zusammen: "Wie ist es Euch ergangen?" "Was hast Du gemacht?" "Wie seid ihr über den Punto do Poio gekommen?" ...

Ein spanischer, ein irischer und ein koreanischer Priester zelebrieren den Pilgergottesdienst (täglich 12 Uhr) in der Kathedrale. In endlos langer Litanei werden die Ankömmlinge des letzten Tages willkommen geheißen: "2 Deutsche aus St. Jean Pied de Port, 5 Holländer von Amsterdam durch Frankreich, 1 Mexikaner von Bilbao, 3 Polen aus Warschau durch Deutschland und Frankreich ..." Wegen der Menschenmassen ist in der Kathedrale leider ein mit Schlagstöcken bewaffneter Ordnungsdienst notwendig.

Ich lasse mich wahllos durch die Stadt treiben, besichtige die Kathedrale, die Plaza del Obradoiro, das Pilgermuseum (höchst empfehlenswert), die Universität, das alte Rektorat usw. Für einen Tag radle ich an die Atlantikküste nach Noia.

In knapp 6 Wochen bin ich 2.559 km geradelt und habe 25.419 Höhenmeter gesammelt, wider Erwarten die meisten davon nicht in den Pyrenäen sondern in den Cevennen und den innerspanischen Gebirgen. In 2 Wochen will ich nach Alaska aufbrechen - ohne Rad.