Radreise Jakobsweg

Anreise durch Schweiz und Frankreich
18.4. - 11.5.2009

 

Der Wetterbericht ist gut. Nix wie los! Bei bestem Frühlingswetter starte ich in Zürich und radle der Aare entlang nach Bern, genieße die exzellente Schweizer Gastronomie. Rösti stärkt mich für das Berner Oberland. Über Gruyères, den letzten Schweizer Adelssitz und heute Museum, bin ich bald am Genfer See. Ich genieße die noblen Orte: Montreux (die Musikstadt), Vevey (Alimentarium, äußerst interessantes Museum der Ernährung;  amüsant aber  thematisch zugehörend die Gemüsebeete mit Kartoffeln, Kopfsalat ... vor der vornehmen Villa, ehemals Direktion der Fa. Nestlé), Lausanne (Sitz des Internationalen Olympischen Komitees in einem herrlichen Park), Nyon (Sitz der UEFA) und Genf ( u. a. UNO). An der Kathedrale von Lausanne stoße ich das erste Mal auf den Jakobsweg.

Der Rhônedurchbruch kostet mich Kraft, weil wegen des schluchtartigen Tals der Weg teilweise über die Höhen geführt wird. In Belley ist gerade Weinfest; man kauft für 5 EUR ein Glas und versorgt sich dann nach Belieben mit Inhalt, plaudert, bummelt ... Lyon ist immer eine Reise wert. Zum wer-weiß-wievielten Mal klettere ich hoch zur Notre Dame de Fourvière (per Rad natürlich!) und lasse den Blick weit schweifen, bummle durch die pittoresken Gässchen entlang der Saône, streife über einen Arabermarkt bis ich vertrieben werde (was will ein Tourist hier?), beobachte die Bettlerszene und amüsiere mich über zwei Zigeunermädchen, die an einer Ampel Autoscheiben putzen. Ein paar Mal ernten sie freundliches Lächeln und manchmal Schimpfworte. Wer nicht zahlt, tut gut daran, seine Scheiben geschlossen zu halten. Mediterranes Leben!

Lyon hat ein hervorragendes Mietfahrradsystem (50.000 Nutzer p. a. und mehr als 10.000 km pro Rad und Jahr).  Ich sehe fast nur diese roten Flitzer; dabei ist das Wetter gar nicht sooo freundlich. Eine Woche später bin ich in Toulouse. Dort wird mit dem gleichen System gearbeitet aber nach meiner Wahrnehmung nicht annähernd so erfolgreich.

Le Puy-en-Velay im Zentralmassiv ist einer der historischen Startpunkte des Jakobswegs. Zwei nadelförmige Basaltspitzen überragen die Stadt. Die rosafarbene (!) Notre–Dame de la France ähnelt dem Christus über Rio de Janeiro. Die romanische Kathedrale mit ihren Farbspielen in Stein ist wohl arabisch beeinflusst und erinnert mich an Michele de  Murato auf Korsika.

Das Departement Lozère ist die am dünnsten besiedelte Region Frankreichs mit 15 Einwohner/qkm. Die Häuschen aus Granitquadern geben den Dörfern eine düstere, abweisende Atmosphäre. Oft übernimmt eine Art Versorgungsstation die Rolle des Dorfladens und ist nur wenige Stunden pro Woche geöffnet. Der Frühling hat hier noch nicht begonnen und vor den Häusern parken Schneemobile. Auf über 1.200 m Höhe ist es Anfang Mai noch kühl. Robert Louis Stevenson hat im 19. Jh. die Cevennen durchwandert und beschrieben. Die "Schatzinsel" habe ich als wohl 10-Jähriger geradezu verschlungen und ich kannte Stevenson bisher nicht als Autor von Reisebeschreibungen. Vielleicht erlaubt mir meine "knappe" Rentnerzeit irgendwann einmal die Lektüre.

Sainte-Cécile, größte Backsteinkirche der Welt, überragt Albi als Zeichen des Siegs über die Katharer, Versuch einer Volkskirche im 13. Jh. In einem monumentalen Fresko wird das Jüngste Gericht dargestellt. Der bedeutendste Sohn der Stadt ist Henri de Toulouse-Lautrec. Erst nach seinem frühen Tod war seine Geburtsstadt Albi bereit (nach Absagen in Paris und auf Drängen der Mutter), ihm ein Museum einzurichten. Ich verbringe hier beinahe den ganzen Tag und kenne jetzt mehr als seine bekannten Plakatmalereien.

Die ehemalige Zisterzienserabtei l'Escaladieu am Ufer des Arros strahlt eigenartige Würde aus. In einer Einzelführung lasse ich mir viel über die Geschichte des Klosters, des Ordens und der Region erklären, erfahre Neues über Architektur und monastisches Leben. Die Dame nähme sich noch Stunden Zeit für mich, aber ich brauche heute noch ein Bett und Bagnères ist noch einige Kilometer. Bagnères-de-Bigorre, ein Badeort im hügeligen Pyrenäenvorland, empfängt mich ungastlich. Ein großes Hotel steht in Flammen und wird gerade gelöscht. Ich finde sofort ein anderes und habe einen direkten Blick auf die schneebedeckten Pyrenäengipfel.

Lourdes hat für mich mehrere Gesichter. Der Wallfahrtsort zieht jährlich Millionen Besucher an. Viele von ihnen suchen Heilung von Leiden oder innere Ruhe und Nähe zu Gott. Trotz meiner Skepsis kann ich mich nicht der Faszination und der Würde des Augenblicks entziehen, wenn ein seliges Lächeln oder ein dankbarer Blick über das geplagte Gesicht huscht nach dem Besuch der Grotte oder dem ermutigenden Wort eines Priesters oder ... Es entzieht sich eben meiner Ratio. Zwangsläufig und untrennbar damit verbunden ist aber auch der "geistliche Heilsbetrieb", der all das ermöglicht: der tägliche Pilgergottesdienst in der monströsen Kathedrale, die allabendliche Kerzenprozession, der Schichtdienst in den Beichtstühlen, das hemmungslose Einsetzen gutgläubiger und wohlmeinender Freiwilliger für Transporte, Ordnungsdienst usw. Der Übergang zum rein weltlich ausgerichteten Kommerz ist beinahe nahtlos, Hotels, Restaurants, Verkäufer  religiöser Souvenirs. Lourdes-Wasser in schmucklosen Plastikkanistern ist wenigstens nicht allzu teuer. Der Weg zur Kleinkriminalität ist nicht mehr weit, Taschendiebe, Bettler (Szene scheint fest in rumänischer Hand zu sein). Mein wertvolles Rad lasse ich nicht einmal angekettet aus den Augen. Heute ist der 8. Mai und Frankreich feiert den Sieg über Deutschland. Warum müssen ausgerechnet heute Abend deutsche Soldaten in Uniform durch Lourdes bummeln? Bin ich zu empfindlich?

Der Ibañeta-Pass nach Spanien muss einst strategisch wichtig gewesen sein, wenn Ludwig XIV. sogar  Vauban, seinen bedeutendsten Militärbaumeister, mit dem Bau der Feste beauftragt hat. Heute liegt das kleine Städtchen St. Jean Pied de Port im Schatten der Burg. Wegen eines Problems mit meiner Kette und auch der vielen Hügel bin ich etwas ausgelaugt und lasse mich genussvoll 2 Tage lang im ersten Haus am Platz verwöhnen. Ich repariere mein Rad, schicke ein Päckchen mittlerweile überflüssiger Landkarten heim, besorge mir im örtlichen Pilgerbüro ein Credencial del Peregrino (Pilgerpass), lese Zeitung, sehe fern (französisches "Wer wird Millionär?" kann mit dem deutschen nicht mithalten) usw. Ich steige zur Burg hoch, bummle über den Markt (entgegen dem Reiseführer - oder beschreibt Kerkeling das so? - gibt's hier kein baskisches Kunsthandwerk sondern nur Fabrikware), schlendere durch die malerische Altstadt, schaue kurz in die Kirche Notre Dame (naja), kaufe eine Landkarte usw. Jetzt bin ich für die nächste Etappe wieder fit.