Radreise Estland 2015
24.6. - 15.7.2015


Hier sind unsere Räder "versteckt"


Unser Hotel





Sängerhalle Tallinn


Komfortabler Einstieg mit Rad


Estland ist Storchenland


Strand bei Toolse


Vihula


Pause in der Geheimstadt Sillamäe


Wie wird die Dusche bedient?


Stadtzentrum Narva ist marode


Sauna


Reifenpanne


Elva


Hitzewelle


Störche, Störche ...


Pärnu


Rund um Pivarootsi


Estland ist progressiv


Hin und wieder treffen wir andere Radler


Oldtimer-Show in Haapsalu


Trödelmarkt


Idylle auf Vasalemma


Unsere Räder brauchen eine Dusche


Mal kein Drahtesel


Esten lieben Blumen


Heimflug

Mein Vorschlag, auf zwei Rädern zum Flughafen zu kommen, findet bei Traudl keinen Anklang. Meine Gegenwehr fällt nur matt aus und wir lassen uns fahren. Mit 3 Personen, 2 Rädern und Gepäck ist auch ein riesiger Volvo-Kombi gut ausgelastet.

Fliegen mit Fahrrad ist immer spannend. Nein, wir selbst hatten nie nennenswerte Probleme. Aber jede Airline hat ihre eigenen Bestimmungen und die werden beim Check-in oft eigenwillig interpretiert. Heute misstraut die gewissenhafte Mitarbeiterin den von mir vorsichtshalber ausgedruckten Transportbestimmungen und sucht eine gefühlte halbe Stunde in ihren Unterlagen, telefoniert, sucht wieder, gibt schließlich klein bei. Die Räder müssen tatsächlich nicht verpackt sein.

Die Propellermaschine dröhnt und an schlafen ist nicht zu denken. Schnell fallen mir die ersten vergessenen Dinge ein: mein praktisches Gorilla-Pod, die Liste der recherchierten Weblinks usw., nichts Wichtiges.

Die Zwischenlandung in Riga wird zum gastronomischen Erlebnis. Meine Tortellini haben eine knusprige „Mikrowellenkruste“ und Traudls Pommes Frites sind nicht gar. Zum Mineralwasser drückt mir der Barmann zwei brüh-heiße Gläser in die Hand. Meine Reklamation versteht er nicht, tauscht die Gläser widerwillig um in nur lauwarme. Etwas unzivilisiert trinken wir dann aus der Flasche. Der nächste Schock: eiskalt. Und das Ganze als Schnäppchen um 34 Euro.

Ein Platzregen kann sooo erfrischend sein. Trotz wolkenbruchartigem Regen hasten die meisten Passagiere auf dem Vorfeld aus dem Bus und warten dann minutenlang, bis sie die Treppe hoch dürfen. Aber kein Passagier wird zurückgelassen und auch wir beide kommen mit, beinahe trocken. Wir zumindest schniefen anschließend nicht.

Unsere Räder kommen nicht in Tallin an. Wo sind sie geblieben? Vielleicht in Riga? Oder noch in München? Niemand weiß es. Nach der Verlustmeldung nehmen wir ein Taxi zu unserem Hotel und hoffen auf baldige Nachlieferung unserer Drahtesel. "Wie ist Ihre Telefonnummer? Sie werden benachrichtigt." Nach Stadtbummel und Abendessen immer noch kein Anruf. An der Rezeption: „2 Räder von AirBaltic? Nein, leider nicht. Man kennt das schon von Air Baltic." Am nächsten Morgen wiederholt sich der Dialog. "Aber das ist doch kein Problem. Sie können bei uns Räder mieten." Der Frau wünsche ich insgeheim 3 Wochen Radreise auf einem unpassenden Sattel.

Von Tanja, einer jungen Frau, lassen wir uns über 2 Stunden durch die historische Innenstadt von Tallinn führen (UNESCO-Weltkulturerbe): Marktplatz, älteste Apotheke Europas, Domberg usw. Die vielen, ach so bedeutsamen Gebäude lassen wir aus, erfahren stattdessen Vieles über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, amüsieren uns über nette Anekdoten zur Stadtgeschichte und zu estnischen Befindlichkeiten. Lieblingsthema Klima: zu feucht, im Winter zu dunkel und kalt, zu wenig Sonne usw. Im Juni 2014 habe es sogar an 2 Tagen geschneit. Frage an einen Esten: „Warum bist Du so blass? Warst Du nicht in der Sonne?“ Antwort: „An dem Tag musste ich arbeiten.“

Am Nachmittag fehlen unsere Fahrräder noch immer. Das ist doch nicht mehr möglich? Ich kenne das Hotel vom Vorjahr, suche in dem weitläufigen Haus auf eigene Faust und traue meinen Augen kaum. Im Innenhof lehnen unsere Räder an der Wand, ausgerechnet genau unter unserem Fenster. Vorgespielt unwissend frage ich an der Rezeption noch einmal nach: "Räder? ..." "Nein, leider nein. AirBaltic ... Man kennt das schon ..." Warum das Ganze? Die Räder wurden um 1/2 4 Uhr in der Nacht angeliefert und beim Wechsel von der Nacht- zur Tagschicht ... Jaja, man kennt das schon.

An meinem Hinterrad ist das Ventil defekt, nachpumpen schwierig. So gehe ich nicht auf Tour. Ich hole mir schnell aus dem nächsten Fahrradgeschäft einen neuen Schlauch, denke ich, und rufe ein Taxi. Die 1. Adresse aus dem Stadtführer: mittlerweile zu einem Alkoholgeschäft umfunktioniert. Am Hafen ist damit mehr Profit zu erzielen als mit Rädern. 2. Adresse: heute geschlossen. 3. Adresse: nicht auffindbar. Die Taxizentrale kennt noch ein Radgeschäft. Dort aber: Räder ja, aber keine Ersatzteile. Auf dem Rückweg zum Hotel  erinnert sich der Fahrer: "Vor Jahren ... vielleicht ...". "Egal, da fahren wir hin". Die kleine Werkstatt gibt es noch: "Natürlich haben wir einen Schlauch. Soll ich ihn gleich montieren?" Nach anderthalb Stunden Irrfahrt mit Taxi, mitsamt Schlauch, Montage und Trinkgeld brauche ich gerade mal 20 Euro. Traudl hatte ich am Hafen zurückgelassen und finde sie jetzt wieder bei der Dicken Margarethe, dem wuchtigen Torturm zum Strand.

Frisch beflügelt radeln wir zur Sängerhalle, einem Kernstück der estnischen Nationalsymbole. Umringt von sowjetischen Panzern haben sich hier 1988 die Esten ihre Souveränität geradezu ersungen: die singende Revolution. Auf dem Rückweg besuchen wir den Kadriorg-Park. Das zugehörige Schloss ließ Peter d. Gr. für seine Frau Katharina erbauen, die spätere Zarin Katharina I. Noch unser letzter Muss-Punkt: Historische Holzhäuser in Kala-Maja, einem alten Fischer- und Arbeiterviertel.

Den Abend verbringen wir auf der Terrasse des Peppersack, einem der bekanntesten Touristenlokale. Gleich nebenan ist ein Gentlemen's Club (die Rotlicht-Szene in Tallinn ist lebhaft). Wir beobachten über Stunden fasziniert den Türsteher (eher Anreißer) und seine Aktivitäten. Gelegentlich gibt's Missverständnisse oder kleine "Unfälle". So biegen einmal die Frauen von 3 Männern gerade um die Ecke, als die Herrschaften intensiv mit dem Türsteher verhandeln. Geistesgegenwärtig setzen alle blitzschnell ihre Unschuldsmiene auf.

Bilder Tallinn

Am 3. Morgen starten wir zu unserer Rundreise durch das Land. Sooo wünsche ich mir Bahnfahren mit Fahrrad auch in Deutschland: ebener Einstieg, keine Fuge zum Bahnsteig, WLAN, bequeme Sitze ... Aber das Schienennetz ist dünn und selbst zwischen Tallinn und Narva, drittgrößte Stadt des Landes, verkehren nur zwei Zugpaare pro Tag. Mit einem Vorortzug kommen wir bis Kehra und flotter Rückenwind weht uns geradezu nach Viinistu im Lahemaa-Nationalpark. Die Räder parken wir im Foyer des Hotels neben dem Konzertflügel.

Den ganzen Nachmittag verbringen wir im  Kunstimuuseum, einer interessanten Sammlung moderner, estnischer Malerei und Grafik. Jaan Manitski, ehemaliger Außenminister, Geschäftsmann, Manager der Band ABBA, hat sich hier einen Traum erfüllt.

Palmse Mõis, das ehemalige Herrenhaus der Familie von der Pahlen, ist ein Schmuckstück und insbes. der englische Landschaftspark verleitet geradezu zum Träumen. Für viele gilt Palmse als schönstes Herrenhaus des Landes. Nun, diesen Superlativ teilt sich Palmse mit anderen, u. a. Alatskivi. In einem nahegelegenen Café erkennt mich die Wirtin wieder von meinem Besuch vor einem 3/4 Jahr. Wir plaudern über dies und das, estnisches Geschäftsleben, den Nationalpark, das Gut nebenan usw.

Hier im Norden des Landes reiht sich Mõis an Mõis (Gutshaus, Herrenhaus). Den Umweg entlang der Küste lassen wir aus und mit Rückenwind sind wir bald in Sagadi, weitgehend eine Wiederholung von Palmse (großartiges Haus, englischer Park). Das gilt auch für Vihula. Hier habe ich schon 2014 genächtigt und kann hoffentlich (es ist Wochenende) auch heute mit Traudl das schöne Ambiente genießen. „Ja, natürlich haben wir ein Zimmer frei. Hier, füllen Sie bitte diese Anmeldung aus.“ Wir beziehen unser nettes Zimmer in der ehemaligen Schnapsbrennerei und genießen dann bei bestem Sonnenschein und weißen Cumuluswolken den herrlichen Park.

Die Burgruine Toolse liegt romantisch am Wasser. Kunda ist so, wie ich es im Gedächtnis habe, eine schmucklose, grau eingestaubte Industriestadt (Zement, Zellulose, Kaffee). Ich denke kurz an meinen Bekannten Meelis. Ob er auch heute etwas einsam im Café sitzt?

In Kalvi, einem der größten Herrensitze Estlands, haben vor Jahren Bekannte übernachtet. Sie schwärmen noch heute vom feinen Ambiente des Luxushotels. Uns wird dieses Vergnügen leider vorenthalten. So wie ich schon im letzten Jahr, stehen wir etwas ratlos am Zaun, kein Hinweis, kein offenes Tor. Drinnen parken zwei luxuriöse Geländewagen mit russischen Kennzeichen, sonst kein Lebenszeichen. Bald schlendert ein Security-Mann vorbei, beäugt uns. Wir scheinen ihm harmlos und er trollt sich wieder. Wortlos! Später, in Purtse, können wir klären: Schloss Kalvi und ehemaliges Nobelhotel ist seit einigen Jahren Privatbesitz eines georgischen Oligarchen. Er wohnt in St. Petersburg und kommt nur selten hierher.

Im letzten Jahr war ich in Purtse achtlos an einem wahren Kulturschatz vorbei gefahren. Purtse Mõis ist 500 Jahre alt, eines der ältesten Herrenhäuser Estlands. Es wechselte mehrfach den Besitzer, bis es in den Besitz der Stackelbergs kam, einer der einflussreichsten und vermögendsten Familien im alten Baltikum. Der Wehrbau wurde mehrfach zerstört, diente unterschiedlichsten Zwecken (u. a. Gefängnis, Schweinestall), zerfiel und wurde gegen Ende der Sowjetzeit sorgfältig renoviert. Der schwedische König und die Präsidenten aller umliegenden Staaten (außer Russland) waren schon zu Besuch hier. Seit einem Jahr versuchen Sigrid und Janner, ein estnisches Paar, das Gebäude mit Leben zu füllen mit Café, Kunstausstellungen, Konzerten, Hochzeitsfeiern usw. Der Wirt lässt sich nicht nehmen, uns durchs Haus zu führen und anschließend speisen wir hervorragend. Ich fürchte, dass Denkmalschutz und sicherer (allein die Treppen!)/wirtschaftlicher Betrieb sich gegenseitig ausschließen. Wir wünschen den beiden viel Glück.

Wir strampeln häufig eng am hohen Steilufer der Ostsee entlang. Schade, die Ebereschen, die mich im vergangenen Herbst mit ihrer prallen Reife so beeindruckt haben, wirken natürlich heute im Sommer weniger spektakulär. Wir freuen uns aber an den Wiesen mit ihrer ungeheuren Vielfalt an Gräsern und Kräutern. Wir genießen das Gesamtbild oder auch einzelne besonders eindrucksvolle Pflanzen, z. B. Wildrosen. Traudl weiß dazu viele Details und Namen und bedauert: „Das alles ist bei uns daheim schon zu Tode gespritzt.“

Bilder Nordküste

Sillamäe, die einstmals geheime Stadt, beherbergt nach wie vor schöne (wenn man das denn nun mal so sehen kann) Beispiele stalinistischer Architektur. Der bescheidene Stadtpark mit seiner Allee zum Strand hinunter wirkt charmant. Die neueren Stadtviertel im Osten, sicher noch während sowjetischer Zeit entstanden, sind eine Ansammlung gesichtsloser Wohnsilos.

In Narva finde ich leicht das Hotel vom letzten Jahr wieder und wir wohnen im gleichen Zimmer. Die Dusche ist noch genau so kompliziert. Ich glaube, ich habe damals gar nicht geschafft, sie in Betrieb zu setzen. Heute bringt Traudl wenigstens die Seitendüsen zum Sprudeln. Und ich, ganz stolz auf mich, lasse dann nach langem Tüfteln auch noch die Oberbrause sprudeln.

Mit der Unabhängigkeit Estlands hat Narva seine wirtschaftliche Basis verloren, leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und starker Abwanderung. Die verbleibende, meist russisch-sprachige Bevölkerung sei wenig integriert, so hören wir mehrfach. Und das deckt sich auch mit unserem Eindruck. Die Hermannsfeste, ehemalige Ordensburg, ist die einzige touristische Attraktion. Von einem kleinen Strandcafé schauen wir hinüber ins russische Reich. Der Betrieb am Grenzübergang ist spärlich. Auf dem Fluss ist wenig Verkehr, über Stunden passieren gerade einmal 2 Boote.

Jõgeva ist auf der Karte groß eingezeichnet, hat 1.300 Einwohner und auf einer Infotafel an der Straße werden 3 Übernachtungsmöglichkeiten angezeigt. Keine davon gibt es noch. Bis Tartu schaffen wir es heute nicht mehr. Was jetzt? Wir bitten einen netten Herrn um Hilfe. Er telefoniert oft und macht schließlich ein kleines Motel ausfindig, kaum 500 m von unserem Standort.

Im Motel gibt es nichts zu essen, auch kein Frühstück. Aber wir führen immer einen kleinen Notvorrat mit; Käse und Brot müssen heute Abend genügen. Morgen Früh werden wir weiter sehen.

Ich hatte nachmittags eine Reifenpanne und muss den Schlauch flicken. Im Bad gibt es keine Abflussstopfen. Hilft nichts! Ich spüle gründlich und beuge mich dann suchend über die Kloschüssel. Naja.

Abgesehen von diesen äußerlichen Widrigkeiten, haben wir einen interessanten Platz gefunden. Der Wirt Sergei ist Glaskünstler und zeigt uns gern seine schönen Werke. Aber auch in Estland ist Kunst nicht immer einträglich und so betreibt Sergei neben dem Motel noch einen Freizeitclub, Altmetallhandel, Autoreparatur, Autowäsche, Schlittensafaris im Winter, Militärmuseum und vielleicht noch mehr.

Sergei, um 50, hat als junger Mann noch in der Roten Armee gedient und unverkennbar trauert er seiner Dienstzeit und den glorreichen Zeiten der Roten Armee nach. Ein junger Helfer aus Sergeis Autowaschanlage übersetzt uns den kaum zu bremsenden Redefluss seines Chefs ins Englische. Er zeigt uns voller Stolz sein Museum, eine Ansammlung von Militaria, meist Fundstücke aus der Umgebung. Mit Inbrunst erklärt er, welche der Waffen wann von der Roten Armee eingesetzt wurden, inwieweit sie den deutschen überlegen gewesen seien usw. Abschätzig lächelnd deutet er auf Wehrmachts-Porzellangeschirr, weil bei den Deutschen jede Waffengattung ihr eigenes Design hatte. Wenn man im Kampf steht, sollte man sich solche Kinkerlitzchen nicht leisten, meint er. Die grob zusammen genagelten russischen Munitionskisten hätten im Übrigen ihren Zweck genauso gut erfüllt wie die gar so sorgfältig gearbeiteten Kisten der Wehrmacht.

Etwas fragend zeige ich auf eine sowjetische Feldpostkarte. Kein Text, nur eine handschriftliche Adresse? Während des Großen Vaterländischen Kriegs konnten noch längst nicht alle Soldaten lesen und schreiben. Deshalb (nur?) war auf der Feldpost schon vorgedruckt „Essen gut, Befinden gut, Offiziere gut ...“. Die Zensur hatte wenig Arbeit mit dieser vorformulierten Lobhudelei an die Lieben daheim.

Als besonderen Gunstbeweis bekommen wir zum Abschied eine sowjetische Karabinerpatrone und dazu ein Zertifikat über ihre Entschärfung. Nach dieser etwas bedrückenden Stunde schwingen wir uns in den Sattel. Traudl erinnert mich, dass wir noch kein Frühstück hatten. Ja, zuhause fällt mir Essen oft auch erst ein, wenn ich schon längst kochen müsste. In einer Bäckerei holen wir das Versäumte nach.

Tartu (dt. Dorpat) mit seiner ehrwürdigen, alten Universität (gegr. 1632 durch Gustav II. Adolf) ist das geistige Zentrum Estlands. Auch das estnische Bildungsministerium sitzt hier und nicht in der Hauptstadt Tallinn. Tiina führt uns 2 Stunden sachkundig auf Deutsch durchs Zentrum von Tartu. Sie hat Deutsch studiert. Aber damals in den 80er-Jahren herrschte noch der Kalte Krieg und die Sowjetunion war in ständiger, gespannter Abwehrhaltung. Deshalb hatten die Studenten jeden Montag Pflichtunterricht in Medizin, damit sie ggf. als Krankenschwestern hätten eingesetzt werden können. Insgesamt seien ein Drittel ihres Studiums „rote Studien“ gewesen, Geschichte der KpdSU usw. Der Militärflugplatz vor der Stadt war nicht nur geheim, sondern "nicht existent". Peinlich nur: Von der Turmruine des Doms beobachteten die Studenten die Flugzeuge auf dem Rollfeld. Ob die Sowjets wohl jemals geglaubt haben, dass ihre geheimen Orte wirklich niemand kennt?

Tiina bestätigt uns, dass in Estland (analog zu anderen Sowjetrepubliken) immer Estnisch die erste Sprache in der Schule gewesen war, die Verwaltung in Estnisch geführt wurde und zumindest in ihrer Heimat und in Tartu Estnisch Umgangssprache war. Alle Schüler haben selbstverständlich viel Russisch-Unterricht erhalten. Allerdings sei sie in Geschäften in Tallinn gelegentlich aufgefordert worden: „Sprich Russisch. Wir leben schließlich in der Sowjetunion.“ Tiina hält den Gegensatz zwischen Esten und Russen für überwunden: „Es spielt heutzutage keine Rolle mehr, ob jemand Estnisch oder Russisch spricht.“ Frühere Gesprächspartner waren diesbezüglich deutlich anderer Meinung.

Meine Visa-Karte ist weg, wahrscheinlich vor einer Stunde im Bankautomat vergessen und dann wieder eingezogen. Ich lasse die Karte sofort sperren. Bis ich heimkomme, wird die neue Karte schon zugeschickt sein. So lange wir zu zweit sind, ist die kartenlose Zeit kein Problem.

Bilder Sillamäe bis Tartu

Europa seufzt unter einer Hitzewelle. In Deutschland werden die höchsten jemals registrierten Temperaturen gemessen und auch wir schwitzen heftig bei 28° C. Der harte Gegenwind bringt keine Entlastung.

Elva liegt malerisch an mehreren Seen. Insbesondere während der 1. Republik war Elva ein beliebter Ferienort der estnischen Intellektuellen, Maler, Schriftsteller … In den lichten Kiefern- und Birkenwäldern verstecken sich oft schmucke Holzvillen im „Heimatstil“. Einige sind hübsch renoviert, andere verrotten.

Knoblauch gehört regelmäßig zu unserer Küche, in dezenten Mengen selbstverständlich, eine kleine Zehe in den Salat oder auch eine etwas dickere in eine Soße. Hier aber wird Knoblauch als Beilage eingesetzt, nicht nur als Gewürz. Zum Pfeffersteak bekommen wir eine apfelgroße Knolle serviert, gegrillt. Ohne zu kosten: "Das esse ich nicht." "Hab Dich nicht so. Wir lassen uns immer bewusst auf lokale Küche ein." "Ja schon, aber das würgt mir die Kehle zu." "Also!" "Wir verbreiten über Tage eine widerliche Duftwolke um uns." "Das stört hier sicher niemanden." Über Minuten starren wir auf die Knollen, fangen an zu lachen und greifen dann vorsichtig zu. Wir können uns nicht einigen. Ich finde, der Knoblauch sei etwas geschmacksarm, wie im Übrigen auch der Reis und die Grilltomate. Traudl gesteht dem Gericht eine zumindest interessante Note zu. Die Duftwolke können wir gegenseitig nicht beurteilen, da wir beide "kontaminiert" sind.

Weißstörche sind in Estland ein täglicher Anblick, Nester auf vielen Türmen, Häusern, Schornsteinen ... Jetzt gerade (es sind die ersten Julitage) lugen die Küken, meist 2 oder 3, schon auch mal über den Rand des Nestes und sie klappern eifrig mit den Eltern mit. Wir beobachten stundenlang. Der zahlreichen Störche wegen ist Estland also kinderreicher als Deutschland? Ein bisschen zumindest?

Der Võrtsjärv, zweitgrößter See Estlands, bringt uns keine Abkühlung von der drückenden Hitze. In Tänassilma finden wir ein nettes Lokal. Unter dem Bild des estnischen Präsidenten (er war im März d. J. hier) genießen wir Pfannkuchen und küüühle Milch.

Viljandi ist eine charmante, kleine Stadt mit großer Vergangenheit, unser letzter Stopp vor dem Soomaa-Nationalpark. Im Grandhotel wollen wir uns verwöhnen lassen. Das gelingt nur teilweise. Beim Frühstück mangelt es schon nach 10 Minuten an Wurst, Roastbeef, Käse, Lachs, Kaffeetassen, Kaffeelöffel. Die Kaffeemaschine hat bald keine Milch mehr und wenig später ist sogar der Kaffee zu Ende. Der einzige Ober räumt Geschirr, anstatt sich um schnellen Nachschub zu kümmern. Erst allmählich kommt das eine oder andere wieder aufs Buffet. Aber alles schmeckt exzellent.

Mit 23 – 25° C, weißen Wolken und blauem Himmel, dazu meist Rückenwind, kommen wir gut voran. Die antiquierte Tankstelle in Ilbaku ist das letzte Zeichen der Zivilisation vor dem Sooma-Nationalpark. Einzelne Autos hüllen uns auf der trockenen und leicht zu befahrenden Sandstraße in Staubwolken. Zwei oder drei Mal treffen wir auf Reiseradler.

Auf Riisa Rantšo, einem ehemaligen Bauernhof, werden wir schon erwartet. Nach kurzem Verschnaufen radeln wir über den Meiekose Trail zum Kuresoo-Hochmoor. Wir genießen, die exotische Landschaft in vollen Zügen. An den Kolks wird teilweise gebadet. Ich lege mich auf eine Bank und nicke ein. Nebenan plätschert eine estnische Gruppe, die wohl typisch für die heutige Zeit hier im Land ist. Eine Frau ist mit britischem Partner hier, eine zweite mit deutschem Mann und Kind und die dritte ohne ihren estnischen Partner. Sie ist schwanger und freut sich mit ihren Schwestern über deren sommerlichen Urlaubsbesuch.

Während des Frühstücks unterhalten wir uns lang mit der Hausfrau über dies und das: Griechenland (gestern wurde über den Verbleib im Euro abgestimmt), Gesundheitswesen in Estland, Berufswahl ihrer Kinder usw. In diesem Jahr ist die Frühjahrsflut, die sog. fünfte Jahreszeit, im Sooma-Gebiet ausgeblieben (Klimawandel?). Die politische Bedrohung aus dem Osten ist kein aktuelles Thema mehr: „Gelegentlich liest man, wie viele in der Ukraine wieder gefallen sind. Und das war's dann auch.“ Die Leute interessieren sich derzeit mehr um Themen wie bspw. Homoehe. Im Vorjahr habe ich in mehreren Gesprächen die Befindlichkeit als viel besorgter aufgenommen.

Bilder Elva bis Sooma-Natinalpark

Pärnu (dt. Pernau) ist alte Hansestadt und liegt am Golf von Riga. Wegen des feinen Sandstrands und der geschützten Lage ist Pärnu ein beliebter Bade- und Kurort, gilt als "Sommerhauptstadt" des Landes. Uns empfängt die Stadt im Regen. Wir ziehen uns ins Hotel zurück: schreiben, waschen, planen usw.

Estnische Friedhöfe sind immer baumbestanden und gehen ohne erkennbare Grenze in die umliegende Landschaft über. Gräber haben meist spärlichen, oft auch keinen Blumenschmuck. Die Kreuze sind klein und schlicht. Allerdings erinnere ich mich auch an den äußerst aufwendig gestalteten Friedhof in Kallaste (Altgläubige). Über die Friedhöfe gehen unsere Meinungen auseinander. Traudl findet sie „so schön naturbelassen“, ich zu schmucklos, gar vernachlässigt.

Pivarootsi habe ich vom letzten Jahr als wunderbaren Platz im Gedächtnis (konnte damals leider kein Bett bekommen). Die Telefonnummer aus dem Tourist Office in Pärnu ist ungültig. Der Platz wird doch nicht seinen Betrieb eingestellt haben? Die Wetterprognose ist wenig ermutigend: flotter Wind aus West und nachmittags Regen. Selbstverständlich starten wir trotzdem ins Ungewisse. Über einige Sandstraßen-Kilometer finden wir die Windmühle. Geöffnet! Der Wirt bietet uns Hütten nach Wahl an. Mit Dusche? Mit Sauna? Jaaa, beides natürlich! Die Strampelei gegen den Wind hat uns ausgelaugt. Nach etwas Abhängen unternehmen wir einen langen Spaziergang zum nahen Ostseestrand und freuen uns über die vielen blühenden Pflanzen am Weg. Wir schießen unzählige Bilder und hoffen, dass zuhause am Bildschirm viele davon „überleben“ dürfen. Während des Abendessens heizen wir die Sauna ein, stilgerecht mit Holz natürlich, und genießen sie anschließend ausgiebig. Einige Fläschchen „Saku Original“ habe ich mir zuvor vom Wirt geben lassen.

Wir wollen früh weg, aber der Wirt lässt sich nicht zu Frühstück vor 10 Uhr überreden. Also sei es so. Beim fürstlichen Frühstück treffen wir auf Ene und David. Sie wurde als estnisches Kind in Geislingen/Steige geboren. Die Familie wanderte bald in die Vereinigten Staaten aus. Familiensprache war Estnisch und Ene unterhält sich flüssig mit den Wirtsleuten. Sie ist das erste Mal in Estland, hat keine nahen Verwandten mehr hier, ist aber emotional vom Land tief berührt. Nach dem späten Frühstück dürfen wir uns einer Führung durch die Mühle nicht entziehen. Der Wirt hat die Mühle vor 11 Jahren in erbärmlichem Zustand übernommen und in 4 Jahren schwerer Arbeit ein Schmuckstück geschaffen. Er ist stolz auf sein Werk. Kurz nach Mittag kommen wir endlich los.

In Virtsu scheint die Fähre gerade noch auf uns gewartet zu haben und zusammen mit vielen finnischen und einigen deutschen Touristen landen wir bald auf Muhu. Ein „Restaurant & Vineyard“ lädt zum Besuch ein. Hier wird Wein angebaut? Unglaublich! Nachträgliche Internet-Recherchen ergeben, dass „Vineyard“ etwas geflunkert ist.

Ich erinnere mich vom letzten Jahr an die mächtige Esche neben der Katharinenkirche in Liiva. Der Baum ist inzwischen zusammengebrochen, innerlich völlig marode. Schade um den ehrwürdigen Baumriesen. Wir schauen kurz in die Kirche. Das gleiche Bild wie auch sonst überall: dringend renovierungsbedürftig.  Estland sei das am wenigsten religiöse Land Europas, nur 14% der Bevölkerung seien Mitglieder der evangelischen Kirche, andere Gruppen (auch Orthodoxe) vernachlässigbar. Andere Quellen nennen beinahe 30% Christen, davon knapp die Hälfte orthodox. Wie auch immer, keine der Kirchen bekommt staatliches Geld.

Über einen kilometerlangen Damm strampeln wir nach Saaremaa, Estlands größter Insel. Mitten auf dem Fußballplatz von Orissaare, steht eine mächtige Eiche. Dort werden auch Punktespiele ausgetragen, man kickt eben um den Baum herum. Ich selbst habe das im letzten Jahr beobachtet. Der Baum sei alt und durfte beim Bau des Platzes aus Denkmalschutzgründen nicht gefällt werden, so wird berichtet. Andere Erklärung: Es sei nicht gelungen, die Wurzeln des alten Baums zu roden. Wie dem auch sei, 2015 wurde die Eiche zum „Europäischen Baum des Jahres“ gewählt.

Unsere Zeit in Estland geht bald zu Ende. Meinen Lieblingsort Haapsalu wollen wir nicht auslassen müssen und wir verzichten lieber auf den Rest von Saaremaa. Ich bin mir des Wegs zum Hafen nach Hiiumaa zwar sicher, aber ein bisschen Bestätigung hätte ich schon gern. Auf zig Kilometern begegnet uns kaum ein Auto und kein Wegweiser zeigt nach „Hiiumaa“ oder „Hafen“ oder ... und ich bin beunruhigt. Ist der Hafen aufgelassen oder erinnere ich mich falsch? Verkehren überhaupt Fähren regelmäßig? Endlich – 2 km vor dem Ziel - ein kleines Schild: „Triigi sadam“ (Hafen Triigi). Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Am Hafenkiosk werden wir auf Deutsch bedient. Der Mann spielt als erfolgreicher Cellist bei den Bamberger Symphonikern, hat sich vor Kurzem hier in seiner Heimat einen Rückzugsort geschaffen und arbeitet während seines Urlaubs gelegentlich auch im Kiosk. Der Kiosk gehört zu seinem Areal.

Bilder Pärnu bis Saaremaal

Vom Hafen Rohuküla radeln wir auf einem alten Bahndamm völlig verkehrsfrei bis Haapsalu. Blumen blühen am Weg und ich kann endlich prächtige Glockenblumen fotografieren. Wir hatten bis jetzt kaum eine windstille Minute und die Blumen sind derart windsensibel, dass bisherige Versuche sinnlos waren.

Mein Alptraum: Unerwartete Großveranstaltung am Zielort und nicht schon Wochen im Voraus eine Unterkunft gebucht. Heute wieder einmal! In Haapsalu findet gerade die alljährliche American Beauty Car Show statt, die größte Schau historischer, amerikanischer Straßenschlitten im Baltikum. Wir müssen schließlich das einzige noch verfügbare Zimmer nehmen und zahlen einen unverschämten Preis, nur in bar selbstverständlich. Ich konnte zwar letztlich immer unter einem festen Dach schlafen, hoffe aber, dass mich dieses Glück nie verlässt, insbes. wenn ich mich mit meiner/unserer bewussten Spontaneität, Nicht-Festlegen, Nicht-Vorausbuchen auch noch für meine liebe Traudl verantwortlich fühle.

Wir schlendern durch das Städtchen mit seinen wunderbaren Holzhäusern und können uns nicht sattsehen an einzelnen Häusern wie auch an den Straßenzügen. Das Stadtmuseum entführt gedanklich in die Zeit vor gut 100 Jahren. Man erspürt geradezu das sommerliche Bade-/Kurleben im alten Haapsalu. Interessant ist das offenkundig problemlose Nebeneinander der deutschen Sprache mit Estnisch und Russisch.

Der alte Bahnhof in Haapsalu, erbaut für Zar Nikolaus II., fasziniert uns beide. Wir genießen das Ambiente des ehrwürdigen, alten Kuurhauses und speisen dort hervorragend. Leider spielt heute keine Kapelle.

Einige der Oldtimer-Freunde sind heute früh noch oder schon wieder betrunken und grölen durch die Straßen. Die meisten haben im Schlosspark neben ihren Schmuckstücken gezeltet.

Ein alter Bahndamm führt in Richtung Riisipere. Er ist zwar bequem zu fahren, zu bequem, aber rechts und links nur dichtes Gebüsch und kein Ausblick auf die Umgebung. Traudl wird das bald zu langweilig. Nach einem kurzen Intermezzo auf der Hauptstraße kehren wir reumütig wieder auf den Bahndamm zurück. Das Gelände ist jetzt offener und wir freuen uns an den wunderbaren Wildblumen. Der leichte Wind verhindert aber auch heute fotografieren. Die alten, aufgelassenen Bahnhofsgebäude (Palivere, Risti) sind schmuck renoviert und werden teils neu genutzt (Jugendhaus, Museum, Zahnarztpraxis). EU-Förderung macht's möglich. Vom Bahnhof Risti deportierten 1941 und 1949 die Sowjets Tausende Esten nach Sibirien. Ein Denkmal erinnert an diese schlimme Zeit.

Traumwetter, Wochenende, Ferienzeit. Überall "fully booked". Schon wieder wird die Quartiersuche zum Problem. Zwei Adressen aus dem angeblich aktuellen Verzeichnis sind aufgelassen, Scheiben blind, Gestrüpp wuchert auf der Treppe. Unser Wunschziel in Laitse: heute geschlossene Gesellschaft. Der Wirt ist untröstlich, kann aber auch nicht helfen. Schließlich landen wir in Vasalemma auf einem großen Bauernhof. Die Bäuerin kümmert sich sorgfältig um ihre zwei einzigen Gäste heute. Im Speisesaal für 200 Leute fühlen wir uns ein bisschen verloren.

Die Ausstattung der schlichten Kirche von Harju-Madise wirkt skandinavisch (Finnland oder Nordschweden). Die Mesnerin spricht uns auf Englisch an und erklärt insbes. die sagenumwobene Entstehungsgeschichte (Schiffbruch, Kapitän Matthias …). Die Gemeinde scheint rührig zu sein (140 Mitglieder); gestern war hier eine Hochzeit und heute werden zwei Kinder getauft. Im Vergleich zu anderen Kirchen in Estland ist die Kirche in bemerkenswert gutem Zustand. Die hiesige Kirchengemeinde bezahlt nur den Pfarrer; der Chorleiter und die Organistin bekommen lediglich Benzingeld. Alle anderen arbeiten gratis. Gegen ein paar Stunden Mesnerdienste darf die Dame in einem alten Nebengebäude unterkommen. Im Winter wohnt sie in Tallinn.

Bilder Haapsalu bis Harju-Madise

In Saue suchen wir vergeblich nach unserem Hotel. „Zu einem Hotel wollen Sie? In Saue gibt es kein Hotel.“ „Aber Saue Mõis muss ein Hotel sein.“ „???“ Ich radebreche dann: „Castle … Lossi (estn. Schloss) … Mõis ...“ „Jaja, es gibt hier schon ein Schloss. Aber dort ist kein Hotel.“ „Aber wir haben für heute hier im Schloss eine Übernachtung gebucht.“ Mit Blick auf uns zwei armselige Radler meint der Herr etwas spöttisch: „Das ist ein sehr vornehmer Platz. Ich konnte dort noch nie mein Haupt niederlegen ... Aber wenn Sie meinen?“ Er weist uns den Weg und folgt neugierig per Auto. Vor dem Tor zum Park wartet er und beobachtet aus der Ferne etwas zweifelnd, wie wir bis zum Schloss radeln. Auf einer Bank vor dem Eingangsportal genießt ein älterer Herr die Sonne und als wir an der verschlossenen Tür rütteln, spricht er uns schließlich an. Er ist der Schlossherr und unser Begleiter kann aus der Ferne beobachten, dass wir tatsächlich ins Schloss eingelassen werden. Er wird seinen Bekannten Neuigkeiten aus Saue zu berichten haben. Nachdem wir unsere Suite (5 Betten und über 80 qm) bezogen haben, fragt unser Gastgeber: „Welches Programm haben Sie heute?“ „Keines. Wir erfreuen uns an diesem schönen Platz.“ „Darf ich Ihnen dann auch den ersten Stock zeigen?“ „Ja gern.“ Wir bekommen eine ausführliche Führung zur Geschichte des Hauses und den wunderbar ausgestatteten klassizistischen Räumen im Obergeschoss. Das Erdgeschoss ist Barock.

Der Gutshof Saue (dt. Klein-Sauss) ist eines der schönsten und wertvollsten Gutsensembles im Baltikum, gegründet im 16. Jh. und später klassizistisch ausgebaut. Das Schloss ging nach 1919 in Staatsbesitz über, diente u. a. als Magazin, Krankenstation, Kaserne, Kindergarten, Traktorenstützpunkt, Stadtverwaltung. Die Soldaten und die Traktoristen gingen wenig zimperlich mit Haus und Park um. Einiges wurde zerstört oder bleibt verschwunden. Vieles ist renoviert, manches muss aber auch noch warten, z. B. der englische Park.

Der heutige Besitzer, um 70, hat das Schloss vor Jahren in erbärmlichem Zustand gekauft. Seine Frau habe die ersten Jahre nur geweint. In einem der Räume steht ein Webstuhl und er scherzt: „Meine Gattin muss Fleckerlteppiche weben, damit ich essen kann.“ Das Schloss bietet zwei Suiten zur Übernachtung an und Kreuzfahrtschiffe organisieren Ausflüge von Tallinn nach Saue.

Tallinns Vorort Nõmme war bis in 1940er-Jahre eine beliebte Sommerfrische der Hauptstadtbewohner. Wir bewundern die üppig dekorierten, alten Jugendstil-Holzhäuser aus der Zeit um 1900. Im Rotermann-Viertel unweit des Fährhafens pulsiert das Leben. Alte Holzhäuschen wurden durch trendige Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt. Es wird noch viel gebaut. Mich erinnert das stark an Canary Wharf in London oder an das neue Geschäftsviertel in Dublin (u. a. Google-Niederlassung).

Nahe dem Fährhafen besichtigen wir das Veranstaltungszentrum, das zur Olympiade 1980 errichtet wurde (vom Westen damals boykottiert): Konzertsaal, Eislaufbahn, Versammlungsräume, Aussichtsterrassen usw., ja sogar ein Hubschrauber-Landeplatz und ein kleines Schiffskai. Der ehemalige Monumentalbau rottet heute als Betonwüste vor sich hin.

Ich werde in einer Woche schon wieder hier sein. Das Hotel will mein Fahrrad nicht aufbewahren. Ich lasse es einfach zurück; es wird sich schon niemand daran vergreifen.

Am Flughafen erleben wir eine böse Überraschung. Ich habe versehentlich das Gepäck nur für den Hinflug gebucht. Buchen beim Check-in kostet einen Zuschlag und so zahlen wir für unsere zwei „Türkenkoffer“ à 10 kg 140 Euro. Der Flug selbst ist problemlos.

Bilder Saue bis Tallinn

 


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