Radreise Estland 2014
6.8. - 11.9.2014


Tallinn - Alexander-Newski-Kathedrale


Sängerhalle Tallinn


Haapsalu


Haapsalu Kursaal


Estnische Hausmannskost


Estonia-Denkmal


Reifenpanne


zurück nach Haapsalu


Martinskirche Valjala


Kursaal Kuressaare


Konzert im Kursaal


Viele Antiquitätengeschäfte in Kuressaare


Pärnu Strand


Schöne Holzvillen in Pärnu


Feuchter Herbst


Die Sooma-Sümpfe bieten viel Natur


Radweg


Bescheidenes Holzhaus in Viljandi


Hauptwerk Paul Kondas'


Klassizistischer Rathausplatz in Tartu


Wohnturm für Yuppies in Tartu


Wahrzeichen von Tartu
Küssendes Studentenpaar


Tartu


Dorfstraße in Kallaste


Alatskivi, das "schönste" Herrenhaus Estlands


Sängerhalle am Ufer des Peipussees


Orthodoxer Friedhof in Kallaste


"Dörfliche Idylle" in Kallaste


Reife Vogelbeeren


Geheime Stadt Sillamäe


Narva ist nicht gerade schmuck


Radweg


Palmse Mõis


Fahrrad mit Flügel


Viinistu Kunstimuuseum


Wieder zurück in Tallinn
Bei einer geführten Radtour durch die Außenbezirke von Tallinn (Kadriorg, Pirita, Sängerhalle, Hafen ...) erfahre ich viel über die Hauptstadt des kleinen Landes und seine wechselvolle Geschichte. Die junge Radführerin birst geradezu vor Stolz über die noch junge Unabhängigkeit des Staates.

Ich war 1993 schon einmal in Tallinn (dt. Reval). Bereits während der Taxifahrt vom Flughafen in die Stadt fallen mir die Veränderungen der letzten 20 Jahre auf. Moderne Geschäftsbauten säumen mittlerweile die Straße. Neben auffallend vielen finnischen Firmen (Stockmann, Sokos, Elisa usw.) sind auch die üblichen weltweit bekannten vertreten (McDonalds, PWC ...). Die historische Innenstadt (UNESCO-Weltkulturerbe) ist aufwendig renoviert.

Im Zentrum wimmelt es von Touristen aus aller Herren Länder. Sonderangebote ab 15 Euro für Hin- und Rückfahrt verlocken viele finnische Tagestouristen zum Shopping im preiswerten Nachbarland. Wenn auch noch gar mehrere Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen, wird es eng.

Im Okkupationsmuseum wird die kurze deutsche Herrschaft ausgewogen und eindrucksvoll dargestellt. Für die Zeit der Sowjetherrschaft hätte ich mir mehr gesellschaftlich und politisch relevante Themen gewünscht (Verhältnis der Bevölkerung zur Roten Armee, Bildungswesen, Inhalt und Grenzen der estnischen Autonomie usw.). Der unmenschliche Umgang mit Alkoholkranken ist zwar bedauerlich, nicht aber eine zentrale Folge der Okkupation als solcher. Die unprofessionelle Präsentationstechnik stört, insbes. die kaum leserlichen Beschriftungen.
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Entlang der Nordküste radle ich nach Westen. Schon nach wenigen Kilometern verblasst der Glanz der Hauptstadt. Der Tiefpunkt ist
Paldiski, ein von den Sowjets verlassener Marinestützpunkt. Hier wird nicht renoviert, sind noch keine Fördergelder angekommen. Ich genieße aber die beinahe einsamen, idyllischen Badestrände und schöne, ehemalige Herrenhäuser (Keila-Jõa, Vihterpalu Mõis, Padise). Der Radweg hier ist nicht immer einfach zu fahren.


Seit den 1820er-Jahren war Haapsalu über mehr als 100 Jahre ein mondäner Badeort der europäischen High Society. Die russische Zarenfamilie verbrachte hier oft ihre Sommer. Seit der Unabhängigkeit wird der Tourismus in Haapsalu wieder gefördert, erreicht aber nicht die frühere Bedeutung. Selbst die Bahnlinie wurde 2004 abgebaut. Geblieben davon ist nur ein Eisenbahnmuseum im ehemaligen Bahnhof, einem Schmuckstück in Holzbauweise. Die Attraktion bei der Eröffnung vor gut 100 Jahren war der über 200 m lange überdachte Bahnsteig.

Haapsalu war während der Sowjetzeit militärisches Sperrgebiet und wurde vernachlässigt. Jetzt sind die alten Gebäude sorgfältig renoviert und die Holzarchitektur strahlt einen besonderen Reiz aus. Abgesehen von Details (bspw. dezent graue statt weißer Farbe) erinnert Vieles an die deutschen "Kaiserbäder" auf Usedom (Ahlbeck, Bansin, Heringsdorf).

Ich bleibe mehrere Tage in dem charmanten Städtchen, bummle durch die Straßen, speise bei dezenter Musik exzellent im Kurhaus, besuche Museen. Eine alte Dame aus Hamburg erzählt mir von ihrer Kindheit in Haapsalu. Ihr Großvater war Bürgermeister der Stadt. Die Familie hat Estland 1939 verlassen. Jetzt verbringt die Frau gemeinsam mit Söhnen und Schwiegertochter jeden Sommer mehrere Wochen in ihrer Geburtsstadt.

Ein kleines Privatmuseum zeigt die Geschichte der Küstenschweden (estn. Rannarootsi). Diese bäuerliche Bevölkerung blieb über Jahrhunderte unter sich und pflegte einen eigenen altschwedischen Dialekt. Sie hatte ihre Glanzzeit unter der Herrschaft des Deutschen Ritterordens, sogar eigene Gerichtsbarkeit. Nach dem schwedischen Intermezzo (schon das war für die Küstenschweden ein Rückschritt) wurden die Bauern unter der späteren russischen Herrschaft in Leibeigenschaft gepresst. Das lief nicht immer reibungslos ab. Auf Hiumaa waren einige Bauern dem Grundherrn zu aufmüpfig geworden und Katharina II. befreite ihn kurzerhand von seinem Problem. Ein kleines Denkmal bei Ristimägi erinnert an die Deportation einiger hundert Küstenschweden in die Ukraine. Weniger als die Hälfte überlebte die Reise.  Auch während der ersten estnischen Republik und der Sowjetzeit waren die Küstenschweden unter Druck. Die wenigen Überlebenden und nicht Deportierten dürfen heute wieder Grundstücke erwerben, ihre angestammten schwedischen Familiennamen führen und nach EU-Recht werden auch die schwedischen Ortsnamen wieder geführt.

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Von Rohuküla setze ich über nach Hiumaa, der zweitgrößten Insel Estlands. Das angeblich so charmante Kärdla (lt. Reiseführer) hake ich ganz schnell ab und bleibe dann schließlich auf einem Bauernhof in Mangu. Dort wohne ich in einem Wohnwagen am Strand, weitab von allen Gebäuden und nur in Gesellschaft weidender Schafe und Rinder. Ein Gewitter morgens und eines abends, manchmal auch nachmittags, ist in diesen Tagen die Regel. Wenn ich mich in meiner Höhle wieder einmal vor einem Regenguss verkrieche, hoffe ich inständig, dass sich keines der Tiere im Gestänge meines Rades verhakt; ich kann es schließlich nicht im Wagen unterbringen.

Das Bauernhaus steht dicht am Strand. Während der sowjetischen Zeit mussten die seeseitigen Fenster immer geschlossen bleiben und nachts durfte kein Lichtschimmer nach außen dringen. Einige Male hatten die Eltern der heutigen Bäuerin Probleme wegen der Fenster. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, die Fenster zu verrammeln? Aber es war wohl billiger für den Staat und einfacher, die Bewohner zu kujonieren.

Auch aktuell ist die Familie von der russischen Politik betroffen. Wegen der Ukraine-Krise bleiben die russischen Stammgäste aus. "Nicht einmal gemeldet haben die sich. Sie haben wohl Angst, dass die Briefe zensiert werden und sie dann als Estlandfreunde gelten würden."

Von Mangu aus erkunde ich die Gegend. Nicht weit von Kap Tahkuna ist 1994 die Estonia gesunken und am Kap erinnert ein schlichtes Denkmal an die Kinder-Opfer dieser Tragödie: der umgekommenen, der elternlos gewordenen und der nicht geborenen.

Ein Museum der Roten Armee liegt nicht weit von Kap Tahkuna, weitgehend eine Sammlung alter Geräte und Waffen. Die ehemaligen Schulungsunterlagen behandeln fast ausschließlich, wie die Soldaten Gefangene nehmen, sie bewachen und an der Flucht hindern sollen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Rotarmisten weitgehend Flucht verhindern sollten und niemand ernstlich mit Eindringlingen von See her rechnete. Fernhalten, bekämpfen, beschießen eines Boots wurde nicht gelehrt.

Vor der Abreise habe ich überlegt: „Die kaum 2.000 km in den nächsten Wochen wird mein Reifen noch schaffen.“ Das war ein Trugschluss. Die Schotterstraßen, Sandwege und vor allem die mit scharfem Splitt asphaltierten Straßen sind zu viel. Irgendwo bei Öngu: ein Knall und das Hinterrad ist ohne Luft. Den Mantel kann ich notdürftig bandagieren, brauche aber bald Ersatz. Am nächsten Tag vor einem Fahrradladen in Käina: "Tja, heute am Samstag ist geschlossen, am Montag sowieso auch. Am Dienstag hat mein Nachbar Urlaub und am Mittwoch ist Nationalfeiertag." Und bei einem Blick durch die beinahe blinden Scheiben bezweifle ich, dass ich am Donnerstag das Passende bekommen könnte. Ich muss zurück nach Haapsalu und hoffe, keine lange Schotterstrecke mehr vor mir zu haben. Der Reifen hält zwar, aber 10 Minuten bevor ich ankomme, schließen die beiden Fahrradgeschäfte. Ich verbringe den Sonntag auf Vormsi, einer rein schwedisch geprägten Insel. Am Montag bekomme ich schnell einen neuen Reifen montiert. Weiter geht's.
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Auf einem unglaublich vermüllten Campingplatz bei Virtsu finde ich endlich eine Bleibe für die Nacht. Aber nach 80 km und strammem Gegenwind bringt mich nichts mehr weiter. Die papierdünnen Decken, das Dixie-Klo, die trübe Funzel in der Hütte usw. muss ich einfach ertragen.

Die Kirche von Valjala (bin jetzt auf der Insel Saaremaa), erbaut 1227,  ist die älteste Steinkirche Estlands, Romanik und frühe Gotik. Es ist eine Martinskirche und ausnahmsweise nicht dem unsäglichen Olav gewidmet. Der fein dekorierte Taufstein ist ein Kleinod. Das Gebäude ist in erbärmlichen Zustand, aber die Estnische Kirche kann sich die Renovierung einer Dorfkirche kaum leisten.

Kuressaare (dt. Arensburg) ist der Hauptort auf Saaremaa, war Sitz des Bischofs von Ösel. Die Stadt wird geprägt von noblen, alten Holzvillen, überragt von einer der besterhaltenen Burgen im Baltikum. Die unzähligen Antiquitätengeschäfte faszinieren mich.

Während der Sowjetzeit war Saaremaa militärisches Sperrgebiet und abgeschirmt "noch schärfer als heute die Außengrenze des Schengen-Gebiets". Viele Esten waren deportiert, Höfe verfielen ... Ein naturkundliches Museum in der Burg zeigt die einzigartige Fauna und Flora, die sich "dank" dieser Abgeschiedenheit über die Jahrzehnte entwickelt hat. Ich erkundige mich etwas erstaunt nach dem dort ausgestellten Flamingo. Beinahe peinlich berührt gesteht eine Dame: "Ja, Flamingos kennen wir nicht aus Estland. Dieser hier ist der einzige, der sich je hierher verirrt hat."

Das zeitgeschichtliche Museum (ebenfalls in der Burg) präsentiert hervorragend. Der Teil “Saaremaa 1939–49” ist hoch informativ. “Saaremaa 1950–94” fällt dagegen ab: weitgehend eine Ansammlung von Fotos zum soundsovielten Jahrestag der Oktoberrevolution, zum Besuch in oder von (selten) Partnerstädten usw. Ich kann mir kein Bild machen, wie die Leute hier gelebt haben.

Auf Saaremaa und Muhu wurden früher Hunderte von Windmühlen betrieben. Heute sind nur noch wenige erhalten. In einer alten Holland-Windmühle speise ich ausgesprochen estnisch: Schweinebraten, Sauerkraut, Salzkartoffeln, Pilzsoße und rote Beete. Rote Beete zu Sauerkraut empfinde ich etwas eigenartig, aber beides schmeckt vorzüglich. Ich habe selten schmackhafteres Sauerkraut genossen, samtweich gekocht und doch mit Biss. Dazu trinke ich hausgebrautes Bier, schmeckt ähnlich wie finnischer Sahti und hat auch einen hohen Alkoholgehalt. Tja, alles war recht lecker. Aber das Sauerkraut bläht so entsetzlich, dass ich mich aus olfaktorischen wie aus akustischen Gründen heute kaum noch unter Menschen wagen kann. Die Flügel der Windmühle sind übrigens amputiert, "damit mit den Flügeln nicht dem Feind Nachrichten übermittelt werden können". Ich erfrage nicht, ob das Anordnung der deutschen oder der sowjetischen Besatzer war.

Entlang der sehr einsamen Nordküste der Insel fahre ich zurück zum Festland. Mit flottem Rückenwind fliege ich geradezu über die lange Brücke hinüber zur Insel Muhu. Auf dem Herweg war ich gegen den Wind auf kaum 10 km/h gekommen.

Mitten auf dem Fußballplatz von Orissaare steht eine mächtige Eiche. Jetzt am Samstagnachmittag kämpfen gerade zwei Dorfmannschaften gegeneinander und sie kicken eben um den Baum herum. Schade, dass ich nicht erleben kann, wie das Problem gelöst wird, wenn sich der Ball im Geäst verfängt. Die FIFA würde den Platz sicher nicht für Turniere lizenzieren. Grund des Ganzen: Der ehrwürdige Baum steht unter Naturschutz und im Lauf der Jahrzehnte hat man sich mit dem Kuriosum arrangiert.
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Pärnu, die „Sommerhauptstadt Estlands“, hüllt sich den ganzen Tag in Wolken. Es ist trüb und nieselt mal mehr und mal weniger. Ins Stadtmuseum will ich, war lt. Reiseführer noch vor wenigen Jahren geöffnet und hoch interessant. Jetzt aber ist es verschlossen, gammelt mit blinden Scheiben vor sich hin, der Putz bröckelt und ein Schild verkündet „Müüa“ (zu verkaufen). Auf die beiden Barockkirchen habe ich heute keine Lust. Pärnu ist seit den 1830er-Jahren Badeort, hatte seine Höhepunkte vor 80 Jahren und dann wieder während der Sowjetzeit. Man konnte schließlich nicht immer in Sotschi oder Jalta urlauben. Die Villa Andropoff wurde eigens für besonders wichtige und schützenswerte Gäste erbaut, abgeschirmt gegen die Öffentlichkeit. Es wird vermutet, dass die Spezialgäste in diesem Haus besonders gut überwacht werden konnten.

Mit dem Rad bummle ich hauptsächlich entlang der Strandpromenade und fotografiere viele der wunderschönen, alten Holzvillen. Daneben wurden dann hauptsächlich während der Sowjetzeit funktionalistische Hotelpaläste hochgezogen. Pikant ist die Mischung der beiden Stile. Das Spa-Hotel Hedon ist ein solches Beispiel. Die Seeseite zeigt viel Beton und Stahl und die Landseite präsentiert sich mit klassizistischer Fassade, Götterstatue usw.

Im Yacht Club bin ich zwar gut untergekommen, aber das Frühstück ist etwas kümmerlich. Deshalb nehme ich heute ausnahmsweise Kamabrei. Kamamehl ist eine estnische (auch russische) Spezialität aus geröstetem Gersten-, Roggen-, Hafer-, Erbsen- und Bohnenmehl und fester Bestandteil jedes estnischen Frühstücks. Laut Reiseführer werde der Brei mit Milch oder Buttermilch zubereitet; ich habe ihn nur mit Wasser kennengelernt. Dann süßt man nach Belieben mit bspw. Preiselbeermarmelade oder auch nur Zucker. Die nötigen Kalorien habe ich also jetzt vereinnahmt.
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In Tori wird seit 200 Jahren eines der bekanntesten Gestüte Estlands betrieben. Schwere Warmblüter Kavallerie- und Kutschpferde werden hier gezüchtet. Auf den Weiden grasen edle Pferde. Den Dorfpub ziert eine 70 m lange Reihe klassizistischer Säulen. Das muss ein ehemaliges Gebäude des Gestüts sein. Der Pub ist geschlossen. In strömendem Regen und im Freien würge ich einen "Tori-Burger" hinunter. Andere Möglichkeiten gibt's hier nicht.

Ich bleibe auf Riisa Rantšo, einem ehemaligen Bauernhof mitten in der überwältigenden Moorlandschaft des Soomaa Naturparks. Moorwanderungen, Paddeltouren kann man von hier aus unternehmen. Am Fluss steht eine Sauna (Esten saunen beinahe so eifrig wie Finnen). Andere Gäste erzählen von riesigen Steinpilzen usw. Aber beim heutigen Sauwetter bleiben alle unter Dach. Der Strom fällt alle Augenblicke aus. Die Feuchtigkeit durchdringt alles. Meine Kamera und mein Handy geben den Geist auf. Die Kamera kann ich wiederbeleben; das Handy ist nicht zu retten.

Der Soomaa-Nationalpark ist ein großes Sumpfgebiet, das von mehreren Flüssen bewässert wird (größter ist der Pärnu). Immer im späten Frühjahr wird das ganze Gebiet überflutet, manchmal mehrere Meter hoch, und fortbewegen kann man sich dann nur noch per Boot. Ja, Estland ist ein feuchtes Land. Die Westküste wird oft überschwemmt und hier der Soomaa-Sumpf sogar regelmäßig.

Ich gehe den Ingatsi-Trail zum 8 m hohen Kuresoo-Hochmoor, mit 11.000 ha eines der größten in Estland. Ein Bohlenweg führt zu einer Reihe kleiner Kolks, speziellen Wasserlöchern im Moor. Moskitos umschwärmen mich und heute greife ich das erste Mal zu Autan. Von einem Aussichtsturm genießt man eine herrliche Aussicht (bei schönem Wetter) über das Moor. Regen zieht wieder auf und ich amüsiere mich über eine Gruppe Holländer, die mit Regenschirmen auf dem Bohlenweg wandert.

Auch hier in der Abgeschiedenheit des Moors wird estnische Geschichte spürbar. Das Dorf Töramaa wird 1839 erstmals erwähnt, hat 100 Jahre später 17 Höfe mit zusammen 120 ha und 68 Einwohnern, also Kleinstlandwirtshaft. Durch Deportationen nach Sibirien und den wachsenden Druck zur Kollektivierung der Landwirtschaft schrumpfte die Einwohnerschaft schnell auf 10 und 1979 starb der letzte Bewohner. Die ehemaligen Höfe sind von Wald überwuchert.
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Viljandi ist eine alte Hansestadt, war bald reich und mächtig. Iwan d. Gr. und später der Livländische Krieg ließen die Stadt für Jahrhunderte in Bedeutungslosigkeit absinken. Von der einstigen Ordensburg, der größten in Livland, sind nur kümmerliche Reste erhalten. Seit gut 100 Jahren hat Viljandi etwas Industrie.

Auf dem Burggelände bewerfen mich einige etwa 15jährige Jungen mit Steinen und wollen mir den Weg abschneiden. Ich brülle drohend und hebe die Kamera, als würde ich fotografieren. Sie wenden schnell ihr Gesicht ab und trollen sich dann.

Die Wirtschaft in der Stadt floriert wohl nicht? Ich verirre mich in die Außenbezirke von Viljandi, Plattenbausiedlungen der abschreckendsten Art. Auf riesigen Flächen verlieren sich beinahe die Wohnblocks, Trampelpfade führen über den Rasen, die Wege sind holprig. Der einzige „Schmuck“, den ich entdecken kann, sind Gerüste für Wäscheleinen vor jedem Block. Vorwiegend alte Leute schleppen schlurfend ihre Einkäufe nach Hause oder – wenn noch älter – sitzen auf ihrem Rollator in der Sonne und betrachten das spärliche Treiben. Eine Sitzbank ist nirgends zu entdecken. Paldiski hat kaum trostloser gewirkt.

Vor dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Ungern-Sternberg steht das bescheidene Denkmal für die Unterdrückten der Sowjetherrschaft. In zwei Wellen wurden mehr als 32.000 Esten nach Sibirien und in andere entlegene Gebiete der Sowjetunion deportiert, so wie auch Menschen aus Lettland, Litauen, Weißrussland und der Ukraine. Weniger als die Hälfte überlebte. Seit Ende der 50er Jahre durften die Deportierten teilweise zurückkehren, konnten aber ihren Besitz und andere Rechte erst wieder nach der estnischen Unabhängigkeit bekommen. Obwohl kein Wort darüber verloren wird, halte ich die Nachbarschaft zum Gutshof nicht für Zufall. Die Familie Ungern-Sternberg war einer der größten Grundbesitzer im alten Estland und zur damaligen Zeit ebenfalls teils grausamer Unterdrücker.

Im Kondas-Museum wird das Werk von Paul Kondas (1900 – 1985) ausgestellt, einem naiven Maler. Malerisch sind seine Bilder etwas schlicht, naiv eben. Die höchst skurrilen Sujets irritieren mich.

Der vor wenigen Tagen in Haapsalu montierte neue Reifen reißt rundum am Felgenhorn auf. Ich will nicht länger in Viljandi bleiben, prüfe kritisch und entschließe mich zum Risiko: 80 km bis Tartu wird die Karkasse noch durchhalten. Ich lasse etwas Luft ab und streiche den geplanten Umweg über Elva. In einem Einkaufszentrum in Tartu: „Ja natürlich reparieren wir auch heute am Sonntag. Bring Dein Rad herein.“ Der Fehler lässt sich nicht eindeutig diagnostizieren, vermutlich Materialfehler. Egal!
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Estland hat ein gutes Netz von Fernradwegen. Die Karte "Eesti Rattateed" (dt. Estnische Radwege) ist übersichtlich und zeigt trotz des Maßstabs 1:410.000 alle Straßen. Es gibt nicht so viele in dem dünn besiedelten Land. Die Rad-Wegweisung ist exzellent und man kann sich kaum verirren. Getrennte Radwege sind selten, aber die Wege werden verkehrsarm geführt und sind meist leicht zu fahren. Gelegentliche Problemstrecken (Schotter, Sand) sind unvermeidbar und müssen auch vom Autoverkehr benutzt werden.

Tartu (dt. Dorpat) ist eine alte Handelsstadt und war mächtiges und reiches Hansemitglied. So reich, dass bei Ausgrabungen mehr venezianisches Glas gefunden wurde als in Venedig selbst. Durch die fennoskandische Landhebung (heute noch bis zu 3 mm/Jahr) änderte sich um das Jahr 1500 der Lauf der Flüsse/Flusssysteme. Der Fluss Emajõgi entwässerte früher zum Schwarzen Meer, fließt aber heute in den Peipussee und damit in die Ostsee. Fernhandel wurde weitgehend über Flüsse abgewickelt. Die eingefahrenen Handelsbeziehungen zerbrachen und etwa zeitgleich verwüsteten der Livländische und später der Große Nordische Krieg das Land. Dorpat verelendete.

Auf dem Rathausplatz wartet eine junge Frau mit Schild “Guided tours“. „Wann beginnt die Tour?“ „Jetzt sofort wenn Sie wollen.“ „Was kostet das?“ „Ich brauche etwa anderthalb Stunden und das kostet 6 Euro.“ „Wo sind die anderen Gäste?“ „Nein, nein. Ich führe individuell.“ Sie kommt aus Kaunas in Litauen, spricht 10 Sprachen. Nach mehr als 3 höchst interessanten Stunden verabschieden wir uns und sie will nur die vereinbarten 6 Euro. Einerseits will ich nicht als großspuriger Deutscher auftreten und doch andererseits meine Wertschätzung ausdrücken. Ich gebe etwas mehr und hoffe, damit die richtige Balance gefunden zu haben.

Wie so viele mittelalterliche Städte wurde Dorpat immer wieder durch verheerende Stadtbrände zerstört. So sei die Janni-Kirche (Johanneskirche) das älteste Gebäude der Stadt. In Wirklichkeit ist auch sie im 2. Weltkrieg völlig ausgebrannt und wurde erst seit den 1990er Jahren wieder restauriert. Was also gilt als alt? Am wertvollsten sind die tatsächlich alten über tausend Terrakotta-Figuren. Weil Zerstörung zu aufwendig gewesen wäre, wurden sie während der Reformation eingemauert.

Nach dem verheerenden Brand von 1775 verbot Katharina d. Gr. Holzbauten und schenkte der Stadt die erste Steinbrücke im Baltikum (über den Emajõgi). Die wurde 1941 von der Roten Armee zerstört. Der kümmerliche Ersatzbau in Beton gilt als Schandfleck und aktuell ist eine Spendenaktion in Gang, um die alte, spätbarocke Brücke wieder auferstehen zu lassen.

1632 hat Gustav II. Adolf die Universität gegründet. Heute ist Tartu eine Stadt mit vibrierendem Studentenleben. Im Lauf der Zeit wurden hier viele bahnbrechende, wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht. So wurde die Welt lang nach dem Meridian von Dorpat vermessen, Äther als Anästhesiemittel wurde hier entdeckt, das erste Verzeichnis der Zwillingssterne hier erstellt usw. Tartu war und ist nach wie vor das geistige Zentrum Estlands. Das erste Kunstmuseum, das erste Theater, das erste Sängerfest, der Beginn des nationalen Aufbruchs im 19. Jh. und anderes nahm hier seinen Ursprung. Auch aktuell ist das Bildungsministerium nicht in der Hauptstadt Tallinn, sondern hier in Tartu angesiedelt. Böse Zungen behaupten, es sei eine Abteilung der hiesigen Universität.

Das Café Werner müsse ich besuchen, empfiehlt mir die Führerin. Es gebe hier die besten Kuchen und Torten der Stadt. Aber Exklusives wird nicht verkauft sondern zugeteilt. Mindestens 20 Minuten stelle ich mich an, ehe ich an der Theke meinen Wunsch äußern darf. Ja, und dann stehe ich mit meinem Tablett da und suche im überfüllten Café nach einem Plätzchen.

Durch die Stadt zieht eine kleine Militärparade, mit Blasmusik, einigen Geschützen. Ich erfrage natürlich den Anlass. „Heute ist 1. September. Schulbeginn.“ „Zum Schulbeginn eine Militärparade?“ „Ja, heute startet auch die Kadettenschule.“
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Estland ist in vieler Hinsicht ein hochmoderner Staat. Hier einige Beispiele: Regierung und Parlament arbeiten aktenlos, d. h. die Arbeit wird mit Laptop und Smartphone erledigt. Jeder Bürger kann sich im Internet sicher identifizieren und die meisten Behördenangelegenheiten werden vom heimischen Schreibtisch aus erledigt. Bei täglichen Einkäufen werden oft selbst Beträge unter 1 Euro per Karte bezahlt. Ich habe noch nirgends so viele Ladestationen für Elektroautos gesehen wie in Estland. Auf meiner Fahrradkarte sind für hunderte von touristisch interessanten Plätzen Telefonnummern eingedruckt. Wahlweise in Englisch oder Estnisch kann man dazu Informationen abrufen inkl. des aktuellen Wetterberichts (kostet einige Cents). In jeder öffentlichen Bücherei bekommt man gratis Internet-Zugang, wahlweise an einem PC oder über WLAN. Es gibt kaum einen Kiosk, der nicht seinen Gästen freien WLAN-Zugriff bietet. Unzählige Gratis-WLAN-Hotspots sind übers Land verstreut, oft auch in kleinen Orten und sogar an Wandererparkplätzen im Waldgebiet (einmal so entdeckt). Selbstverständlich bleiben Probleme dabei nicht aus. Vor einigen Jahren hat ein massiver Cyberangriff Regierung und Behörden für einige Zeit lahmgelegt.

Alatskivi Mõis sei das schönste Herrenhaus in Estland. Ein Besitzer hat im 19. Jh. Schottland bereist und dann hier in Estland seinen Traum, das neogotische, schottische Schloss Balmoral, nachgebaut. Der umgebende englische Park ist großzügig und hervorragend gepflegt. Ein wunderbarer Platz. Das Gebäude selbst wird in einem mehrjährigen und von der EU finanzierten Programm aufwendig renoviert. Leider war nur bis Ende August, also gestern, für Besichtigungen geöffnet.

Der Peipussee ist mit 3.700 qkm rund 7 mal so groß wie der Bodensee. Er hat wenig Inseln und durch den See verläuft die Grenze zwischen Russland und Estland. Die Ufer sind meist flach und sandig, schön aber nicht spektakulär. Von Kallaste nach Norden ist eine der wenigen langen Strecken, an der man von der Straße aus den Seeblick genießen kann. Viele Ferienhäuser säumen den Strand. Am Strand liegen gelegentlich kleine Freizeitboote. Bootsverkehr entdecke ich nicht. Die Saison ist schon vorbei. Bei Mustvee landet ein beinahe ruderboot-kleines Fischerboot gerade seinen Fang an.

Die Region am Peipus ist dünn besiedelt und wirkt etwas vom Staat vernachlässigt. Nur über eine holprige Sandstraße komme ich nach Kolkja, dem Zentrum der in Estland lebenden Altgläubigen. Diese Altorthodoxen spalteten sich vor rund 350 Jahren von der russisch-orthodoxen Kirche ab. In Randgebieten von Russland, wie z. B. dem heutigen Estland, und im Ausland, bspw. Polen, waren sie vor Verfolgung einigermaßen geschützt. Möglicherweise auch durch die regionale Zersplitterung teilten sie sich in der Folge in unzählige Untergruppen auf. So gibt es Gemeinschaften mit und andere ohne Priester. Die Altgläubigen der Region bestreiten ihren bescheidenen Lebensunterhalt weitgehend mit Zwiebelanbau und Fischfang und wollen vor allem unbehelligt bleiben. Die junge Generation wandert meist ab. Ich hätte gern das Zwiebelmuseum und das Zwiebelrestaurant besucht. Beides ist aber Sonntag bis Dienstag geschlossen.

Aus einem Unterkunftsverzeichnis suche ich ein B&B mit Café in Kallaste aus. Das Haus ist verschlossen. Beim Anruf kein Wort Englisch. Einige deutliche „da, da“ höre ich heraus. Also hat die Frau wohl ein freies Zimmer und wird bald kommen.

Die Wirtin spricht ein bisschen Deutsch. „Wo kann ich hier etwas zu essen bekommen?“ „Hier.“ „Sie haben doch Ihr Café heute geschlossen. Ich meine, wo kann ich heute Abend essen?“ „Sie brauchen nicht bei anderen Leuten essen. Ich koche etwas für Sie.“ Wir einigen uns auf Fisch. „Kommt der aus dem Peipus-See?“ „Selbstverständlich.“ Gequält würge ich die Mahlzeit hinunter. Unter (!) einem Berg zerkochten Sauerkrauts versteckt sich panierter Fisch, dazu Salzkartoffeln und Bier. Das Beste an der Mahlzeit sind die Kartoffeln.

Der Strand ist nur an wenigen Stellen zugänglich, sonst privat zugebaut. Auf dem orthodoxen Friedhof finde ich nur zwei lateinisch geschriebene Inschriften. Die Gegend ist rein russischsprachig. Im Haus Anna läuft russisches Fernsehen (kein estnischer Sender auf Russisch!). Die Zeitungen sind russischsprachig. Mangels vernünftiger Beleuchtung kann ich nicht feststellen, in welcher Sprache die Bücher sind. Es gibt immerhin welche.
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Durch die Industrialisierung während der Sowjetzeit und der damit verbundenen Ansiedlung von Arbeitskräften aus anderen Regionen der Sowjetunion ist der Nordosten Estlands stark russisch geprägt. So ist der estnische Bevölkerungsanteil in Jõhvi nur ca. ein Drittel und in Narva etwa 5 %. Während in Jõhvi das meiste in Estnisch geschrieben ist, findet man in Narva kaum noch eine Speisekarte, eine Preisliste o. ä. in Estnisch.

Schon von Weitem "grüßen" die Abraumhalden von Jõhvi. Der Abbau von Ölschiefer wurde bereits in den 70er-Jahren eingestellt. Es gibt keine nennenswerte andere Industrie. Die Bevölkerungszahl schrumpft und stellt die Stadt vor große soziale Probleme.

Eine nette Szenerie, wenn man so will auch rührende, kann ich beobachten. Ein junger Geschäftsmann wie aus dem Bilderbuch (um 35, groß, massig, Anzug und Krawatte, harter Blick) bringt mit dem S-Klasse Mercedes (seeehr exklusive Registernummer) seine Eltern zum Pilze suchen in den Wald. Die beiden – es könnten auch Großmütterchen und Großväterchen sein – krabbeln mit ihrem Korb durchs Gebüsch. Der Sohn lümmelt gelangweilt um sein Auto, schnipst mal hier ein Stäubchen von der Scheibe und mal dort, zeigt keinerlei Ungeduld mit den im Wald verschwundenen Alten. Nach einer ¾ Std. schwinge ich mich wieder aufs Rad. Stunden später, kurz vor Narva, überholt mich dieses Auto. Leider kann ich wegen der verdunkelten Scheiben nicht feststellen, ob der Mann seine Eltern schon irgendwohin in ihre Kate gebracht hat.

Der Radweg oben entlang auf dem Steilufer der Ostsee ist wunderbar, meist gesäumt von Wacholder und Ebereschen. Insbesondere an den hochreifen Vogelbeeren kann ich mich kaum sattsehen. Die prallen Beerenbündel gegen den blauen Himmel oder die Ostsee bilden ein einzigartiges Bild. Diese Idylle endet abrupt am Zaun der ehemaligen Uranfabrik Sillamäe.

Die Stadt Sillamäe wurde ab 1949 weitgehend auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft. Zur Arbeit in der Urananreicherungsanlage wurden 20.000 Russen angesiedelt, teils auch Gefangene aus einem nahegelegenen Gulag eingesetzt. Die Uranfabrik, einer der größten Umweltsünder Estlands wurde erst 1989 außer Betrieb genommen. Heute gibt es noch etwas Industrie, aber die Bevölkerung schrumpft. Stadt und Uranfabrik waren streng geheim und auf keiner Karte verzeichnet. Es gab nicht einmal Postadressen für die Bewohner.

Im Vergleich mit anderen Industriestädten ist Sillamäe geradezu ein Schmuckstück mit stalinistischen Bauten, einem schönen Stadtpark, breiten Alleen usw. Ich sehe das nicht so abwertend wie der Dumont-Reiseführer und erkenne hier eher ein Architekturdenkmal des Stalinismus der frühen 50er-Jahre. Es muss ja nicht gefallen.

Bei Sinimäe sind die Toten einer verlustreichen Schlacht im 2. Weltkrieg begraben. Jährlich treffen sich hier Veteranen der Waffen-SS aus vielen Ländern. Eine Busgesellschaft lauscht gerade ihrem Cicerone. Deshalb halte ich hier nicht an.

Auf dem weiteren Weg nach Narva stehe ich Ängste aus. Die Fernstraße E20 ist teils nicht vermeidbar und die LKWs halten wenig Abstand. Radreisende die aus St. Petersburg kommen, erzählen mir aber, hier in Estland sei doch im Vergleich zu dort das reinste Radlerparadies.

Die Geschichte hat Narva noch härter zugesetzt als Sillamäe, Jõhvi, Kohtla-Järve oder anderen Industriestädten. Lange Zeit bildete Narva mit Iwangorod eine Zwillingstadt mit gemeinsamem Nahverkehr, Geschäftsleben, Kulturveranstaltungen, Verwandtschaftsbeziehungen usw. Durch die Selbständigkeit Estlands wurden die beiden Städte getrennt (der Fluss Narva bildet die Grenze zu Russland) und zusätzlich ist der allgemeine Rückzug der (Schwer-)Industrie zu verkraften. Die Stadt verfällt und verödet immer mehr. Erstmals auf meiner Reise betteln mich Kinder an. Mein Rad lasse ich auch ab- und angeschlossen kaum aus den Augen. Nein, schön ist das nicht, aber interessant mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ich bleibe nur kurz hier.
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Narva ist mein Wendepunkt. Jetzt geht es nur noch entlang der Nordküste zurück nach Tallinn. In Voka begegne ich Martin, einem jungen Radler aus Magdeburg, den ich aus Tartu kenne. Er ist auf dem Weg nach St. Petersburg und will nicht glauben, was ich über Wegbeschaffenheit, Verkehr usw. berichte. Martin spricht fließend Russisch und wir plaudern mit einem älteren Herrn. Er warnt Martin vor den gleichen Punkten wie ich.

In Saka, einem ehemaligen Herrenhaus, übernachte ich. Die Geschichte des Hofes ist typisch. Der Hof wurde im 17. Jh. gegründet, das Gutshaus im 19. Jh. in italienischem Renaissance neu aufgebaut. Der letzte Besitzer emigrierte 1939 nach Deutschland (Folge des Ribbentrop-Molotow-Vertrags) und ließ das Gut herrenlos zurück. Das Areal wurde bis 1994 militärisch genutzt. Beinahe 20 Jahre dem Verfall preisgegeben, wird es seit wenigen Jahren wieder renoviert. Im Haupthaus gibt es noch einiges zu tun. Die größten Grundbesitzer Estlands (u. a. Stackelberg, Ungern-Sternberg) wurden bereits 1919 enteignet.

Im Rahvamaja (Gemeindehaus) des nahen Dorfes wird ein kleines Konzert gegeben. Eine Sängerin singt Volkslieder und das Publikum geht freudig mit. Ich, der sichtlich Fremde, werde interessiert von allen Seiten beäugt. Ein nettes, kleines Intermezzo für mich auf der Reise.

Kalvi ist eines der feudalsten Gutshäuser in Nordestland, 1910 - 12 neu aufgebaut und schon 1919 enteignet. Eines der frühesten Herrenhäuser ist in Purtse erhalten. Auf wenig mehr als 150 qm und mit über 2 m dicken Mauern ist es faktisch eine kleine Burg. Nach wechselvoller Geschichte und Zerfall während der sowjetischen Herrschaft, ist es jetzt renoviert und wird für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Der Herrensitz Vihula ist erstmals 1501 erwähnt und ein großer Komplex mit 25 Gebäuden (Haupthaus, Pferdestall, Remise, Kuhstall, Wäscherei, Brennerei usw.). Heute wird das ganze als großer „Country Club“ betrieben mit Golfplatz, Bädern, Park, Teichen, mehreren Restaurants usw. Ich bekomme ein schönes Zimmer in einem wunderbaren Nebengebäude. Im feinen Restaurant mit Flügel, historischen Stichen usw. bin ich lang der einzige Gast. Der Ober könnte in jedem Film als englischer Butler mitspielen. Das Frühstück am nächsten Morgen ist exzellent. Vieles, "Normales" sozusagen, würdige ich nicht einmal eines Blickes, z. B. Müsli, Eier, Spiegelei, Brei ... Warum in Mayonnaise ertränkter Kartoffelsalat bei keinem estnischen Frühstück fehlen darf, erschließt sich mir nicht.

Hier im Norden des Landes reiht sich Mõis an Mõis (Herrenhaus) und nach wenigen Kilometern schon bin ich in Sagadi, einer der diesbezüglich ganz großen Adressen. Palmse ist ebenfalls ein Schmuckstück. Die letzten 250 Jahre bis zur Enteignung 1919 residierte hier die deutsch-baltische Familie von der Pahlen, über viele Generationen hinweg zaristische Offiziere. Die meisten Gebäude wurden im 18. Jh. in Spätbarock erbaut. Der ebenfalls barocke Park mit Wasserlauf und Teichen ist sehr gepflegt. Wegen einer Veranstaltung ist heute leider das Restaurant geschlossen. Nicht weit von hier finde ich ein Café. Nach vielen Jahren in St. Petersburg hat sich hier ein deutsch-russisches Paar seinen Traum erfüllt: ein feines Lokal im herrlichen Lahemaa-Nationalpark. Estnische Sonntagssuppe darf es heute sein.

Jaan Manitski, geboren in Viinistu, zeitweiliger Manager von ABBA, später dann estnischer Außenminister, hat mit seiner Privatsammlung das "Viinistu Kunstimuuseum" gegründet. Es ist eines der interessantesten Estlands für neuere Kunst. Schade, heute und morgen ist es geschlossen.

Heute, an meinem letzten wirklichen Fahrradtag, soll es noch einmal nobel sein und ich freue mich auf Kolga Mõis. Der Dumont-Reiseführer erwähnt, die früheren Besitzer, die Familie Stenbock, habe das Gut wieder erworben und restauriere die Gebäude. Ich treffe auf kein stolzes Schloss sondern eine Baustelle. Aus dem Café trägt gerade ein Arbeiter einen Schuttkübel: „Was suchen Sie?“ „Ich wollte hier ins Café.“ „Das ist geschlossen.“ „Gibt es irgendwo eine andere Möglichkeit?“ „Nein, hier in Kolga nicht.“ „Mhm.“ „Ich kann Ihnen gern einen Kaffee zubereiten, wenn Sie wollen.“ Ich erfahre, die Besitzer seien vor Kurzem in Konkurs gegangen, mussten Hotel, Café und anderes schließen. Auf einem Bauernhof etwa 30 km weiter kann ich dann heute schlafen.
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Ich bin dann bald zurück in Tallinn und bleibe noch 2 Tage. Das Hotel hat meinen Rad-Transportkarton aufbewahrt. Der Rückflug wird zum Ärgernis. Air Lituanica streicht den Flug, angeblich wegen Nebel. Mit Air Lituanica könnte ich frühestens 2 Tage später wieder fliegen und die Gesellschaft will nicht für ein Hotel aufkommen. Mit der polnischen LOT komme ich noch am gleichen Tag heim, zahle dafür aber mehr als für mein Air-Lituanica-Ticket hin und zurück. Der verfallene Rückflug und das teure One-Way-Ticket werden nicht erstattet. Das alles verstößt zwar klar gegen EU-Fluggastrechte, aber die Air Lituanica stellt sich tot, antwortet auf nichts. Auch flighright.de erreicht nichts und für einen Prozess ist denen der strittige Betrag wahrscheinlich zu gering, mir übrigens auch. Nach Recherchen im Internet scheint Nicht-Reaktion eine verbreitete Masche von Airlines zu sein, auch von deutlich namhafteren als Air Lituanica. Ich betrachte das als unplanmäßige und nicht vermeidbare Reisekosten. Ich lasse mir die Freude am Reisen nicht vergällen.
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