Radreise Andalusien 2012
24. April - 15. Mai 2012

der Küste entlang
Jerez de la Frontera - Malaga

In Jerez de la Frontera logieren wir beinahe feudal in einem alten Konvent, der zum topmodernen Hotel ausgebaut ist. Bar in der ehemaligen Hauskapelle … 4-Sterne-Luxus zu 40 Euro pro Einzelzimmer und Nacht, inkl. Frühstück natürlich. Jerez ist aber in erster Linie die Stadt des Sherry (daher der Name). Bei einer Führung durch die größte Kellerei, Tio Pepe (daneben gibt es unzählige kleine), lernen wir viel über Sherry, kosten selbstverständlich auch. Hauptabnehmer dieses süßen Weins sind England und Holland; Israel wird mit koscherem Sherry versorgt. Jeder Führer erzählt seine eigene Version, warum in der Kellerei Mäuse leben ("Mäuse spüren lecke Fässer auf" oder "Mäuse akzeptieren nur erstklassigen Sherry, sind also Qualitätsprüfer" oder ...). Ich denke, hier wird aus der Not eine Tugend gemacht.

Schon vor Jahren wollte mich ein Bekannter animieren: „Komm zu mir nach Cadiz, ein Paradies für Radfahrer.“ Die Wirklichkeit ist ernüchternd. Cadiz liegt auf einer Landzunge und ist für Radfahrer nur per Zug oder Fähre zugänglich, legal zumindest.Wir setzen von Puerto de la Sta. Maria mit der Fähre über. Zwei norwegische Radler berichten uns von ihrem illegalen Horrortrip über die für Radfahrer eigentlich gesperrte Brücke, noch nervenaufreibender als „normale“ Autobahnstrecken. In der Mittagshitze mühen sich vor einem Café unermüdlich zwei Flamenco-Tänzerinnen. Ihr Lohn ist karg. Im Körbchen liegen einige wenige Münzen; ich ergänze um einen Euro; sonst spendet niemand. Cadiz selbst, eine der ältesten Städte Westeuropas, nun ja. Wir erinnern uns hauptsächlich, dass eine Möwe einen Fisch auf Wilfrieds Kopf plumpsen lässt.

Vorbei an Kap Trafalgar mit seinen schönen Stränden (von der berühmten Schlacht 1805 hat jeder schon gehört/gelesen), Kap Gracia (weiter Blick bis hinüber nach Afrika), Barbate (gehört beinahe ausschließlich spanischen Touristen), Baelo Claudia (die Besichtigung der Ausgrabungen fällt dem strömenden Regen zum Opfer) sind wir bald in Tarifa, der engsten Stelle der Straße von Gibraltar und seit Jahrzehnten ein Paradies für Surfer. Ich glaube, Wilfried war nach Sevilla nicht wirklich auskuriert. Das Mistwetter setzt ihm zu und wir brauchen nur noch schnell eine Unterkunft. Die feuchte Klitsche, in der wir kurzerhand einchecken, ist seiner Erkältung leider auch nicht zuträglich. Am nächsten Morgen fliehen wir geradezu aus diesem Kabuff: "Wir möchten bezahlen. ... Nein, ein Frühstück wollen wir nicht."  Im frühen Morgenlicht und unterbrochen durch viele Fotostopps strampeln wir hoch zum Mirador del Estrecho, genießen beim Frühstück den klaren Blick von Ceuta bis Tanger. In Algeciras erholen wir uns im altehrwürdigen Hotel „Reina Cristina“ von der vergangenen Nacht, buchen die Passage nach Tanger, ein Hotel dort und in Gibraltar. Reinfälle wie in Tarifa wollen wir nicht mehr erleben.

Die Überfahrt nach Tanger endet etwas verblüffend. Diese kahle, öde Industrie- und Hafenlandschaft soll Tanger sein? Wir sind im „Neuen Hafen“ von Tanger angelandet. Mit einem uralten Mercedes-Taxi (Kilometerzähler ist schon vor Jahren bei über 500.000 km stehen geblieben) kommen wir die gut 50 km bequem in die Stadt. Tanger selbst ist wenig spektakulär. Ein paar Bettler (überraschend wenige), Junkies, Prostituierte beleben das laute und quirlige orientalische Treiben. Ich lasse mich ziellos durch die Souks treiben, erhole mich gelegentlich bei einem Kaffee von der etwas gewöhnungsbedürftigen Duftwolke. Wilfried besorgt für seine Frau irgendein spezielles Gewürz. Wie hieß diese Spezialität denn noch mal?

Es ist immer wieder bewundernswert, wie sich die Leute hier durchschlagen. Mit zwei Handvoll Papiertaschentüchern (oder Schuhen oder Ausweishüllen oder ...) lassen sich vielleicht ein paar Dirham verdienen? Man braucht dazu kein Ladengeschäft, sondern kann die Ware auf dem Gehsteig ausbreiten. Und vielleicht springen ein paar Münzen heraus für Parkplatz zuweisen, gutes Lokal empfehlen (gehört bestimmt einem Cousin o. ä.), Aussichtspunkt zeigen usw. Die Kreativität kennt kaum Grenzen.

Weil unser Chauffeur so angenehm ruhig gefahren ist und also evtl. Vorurteile über marokkanischen Verkehr nicht bestätigt, nicht einmal hupt (funktioniert das überhaupt?), kaum bremst (die Bremsen greifen vielleicht ein bisschen zögerlich?), bestellen wir ihn auch für die Rückfahrt. Damit ihm kein Konkurrent diesen dicken Fang streitig machen kann, steht er dann schon eine Stunde vor der vereinbarten Zeit vor unserem Hotel.

Gibraltar ist eng und verwinkelt, very British (Marks & Spencer ist hier vertreten) mit südländischem Einschlag (eng, laut, hektischer Verkehr). Die frühere militärische Bedeutung ist deutlich spürbar, Kasernen, Forts, Bastionen … Heutzutage hält sich Großbritannien diesen Stützpunkt wohl nur noch als nostalgisches Maskottchen. Ich war noch nie in Gibraltar und bestehe darauf, den Affenfelsen mit seinen frei lebenden Berberaffen zu besuchen. Wilfried wartet geduldig im Café und bucht derweil mit dem Netbook Hotels für unsere nächsten Etappen.

Der Küste entlang, über Estepona, Marbella, Fuengirola, Torremolinos bummeln wir zurück nach Malaga. Marbella, die Stadt der Reichen, der Schönen und der Könige hätte ich glamouröser erwartet. Aber unser Weg entlang der Autostraße ist nur Durchgangsroute und führt nicht durch die noblen Viertel.

Am Flughafen Malaga finden wir unsere Fahrradkartons unberührt wieder, die wir vor 3 Wochen dort unter einer Brücke versteckt hatten. Etwas mühsam balancieren wir die Radkartons auf dem Kopf 800 m zu unserem Hotel. Räder verpacken, ein letztes Bierchen, Wecker auf 5 Uhr stellen … Weil ich schon übermorgen nach Prag starten will, radle ich vom Flughafen München direkt zu meinem Radhändler in Landshut. Er ist vorgewarnt und hat das fehlende Magura-Ersatzteil bereit liegen (vgl. Sevilla). Wilfried (hier seine Reisebeschreibung) lässt sich am Flughafen abholen.