Radreise Andalusien 2012
24. April - 15. Mai 2012

durchs Binnenland
Malaga - Jerez de la Frontera

Nach beinahe 2 Jahren setze ich mich wieder aufs Reiserad. Von Malaga durchs karge Hinterland der Costa del Sol, über zwei kleine Pässe mit angenehm gleichmäßigen Steigungen klettern wir problemlos hoch nach Ronda. Wilfried und ich lassen es gemächlich angehen.

Die Stadt liegt spektakulär auf einem Felsplateau, sei die älteste Stadt Spaniens, war bis 1485 einer der letzten Grenzposten der Mauren gegen Spanien. Heute finden sich nur noch Reste maurischer Architektur. Im Spanischen Bürgerkrieg war Ronda hart umkämpft und Hemingway beschreibt, wie damals politische Gegner durch Sturz in die 90 m tiefe Schlucht hingerichtet wurden. Die großartige Arena von Ronda gilt als Geburtsstätte modernen Stierkampfs. Sie wird heute nur noch selten genutzt; sei unwirtschaftlich geworden (teure Stiere, wenig Sitzplätze …).

Der Weg hinein nach Sevilla kostet uns die letzten Nerven. Alle Wegweiser und persönlichen Auskünfte weisen zur Autobahn. Nach langem Zögern, Fragen, Suchen geben wir schließlich bei. Und die Polizei betrachtet unser Treiben nur gelangweilt! Es gibt also wohl tatsächlich keine andere Möglichkeit. Während der nächsten Wochen sind wir immer wieder auf die Autobahn angewiesen, zögern von Mal zu Mal weniger. Unangenehm bleibt das trotzdem immer und wenn der Seitenstreifen wieder mal ganz schmal ist, liegen die Nerven blank.

Heute ist letzter Tag der Feria de Abril und Sevilla schäumt über vor Lebenslust. Gegen Abend leeren sich die Straßen; nur Touristen und andere Unglückliche, die kein Ticket zur Corrida erhaschen konnten, sind noch in den Straßen oder – meist – vor einem der vielen Fernseher in den Bars. Nur durch unfassbares Glück finden wir ein nettes Hotel gegenüber der Maestranza (Arena), fußläufig gelegen zu Dom und Alcazar und dabei auch noch preiswert.

Wilfried hat sich bei dem Mistwetter der letzten Tage erkältet und ich habe ein Problem mit meiner Bremse. Wir sind bald wieder flott. Eiserner Wille und Medizin helfen Wilfried auf die Beine. Ich lasse in einer putzigen Gehsteig-Werkstatt (muss bei Regenwetter wohl geschlossen bleiben?) eine V-Brake montieren, weil in 200 km Umkreis keine Magura-Ersatzteile aufzutreiben sind. Wegen der unendlich langen Warteschlangen vor Dom und Alcazar verzichte ich auf diese „Muss-Kultur“, streife durch die Stadt, finde malerische Innenhöfe, beobachte das bunte Treiben. Vor dem Dom verteilen junge und nicht mehr ganz so junge Frauen Sträußchen an Touristen und prophezeien in hautnahem Kontakt die Zukunft. Obwohl ich Spanisch höchstens rudimentär verstehe, höre ich die immer gleichen Begriffe wie „Mann“, „Frau“, „Liebe“, „Baby“. Wenn der Dank für die rosige Zukunftsaussicht großzügiger ausfallen soll, wird gern auch zum Bancomat begleitet. Einen gar zu naiv dreinschauenden jungen Engländer warne ich im Vorübergehen halblaut. Hoffentlich war das nicht schon zu spät. Wenn mir jemand näher als 30 cm kommen will, gibt's notfalls einen Klaps auf die Finger.

Gegen flotten Gegenwind, unter strahlend blauem Himmel mit weißen Cumuluswolken strampeln wir nach Jerez de la Frontera. Es ist eine einsame Gegend. Getreidefelder auf roter Erde reichen bis zum Horizont. Die Latifundien aus der Zeit der Reconquista seien meist noch im Besitz alter Adelsgeschlechter. Mitten in diesem Irgendwo pausieren wir an einer Trucker-Raststätte. Gleich nebenan liegt einer der bekannten „Clubs“; also eine Art Rundum-Service für "bedürftige" Reisende. Das Haus wirkt sehr verschlossen. Möglicherweise haben die Damen am heutigen 1. Mai, auch in Spanien Tag der Arbeit, ihren freien Tag?