Radreise Åland 2012

7. - 22. August 2012

Ja, die guten, alten Zeiten. Vor Jahren war es kein Problem mit Fahrrad nach Mariehamn auf die Åland-Inseln zu fliegen. Jetzt setzt die Finnair kleinere Maschinen ein und beschränkt das Gepäck. Auf Standby lasse ich mich nicht ein. Also fliege ich nach Helsinki und schippere mit der M/S Mariella an mein Ziel. Um ½ 5 Uhr stehe ich dann bei Starkregen und Dunkelheit im ausgestorben wirkenden Mariehamn.

Das Åland-Museum zeigt die hochinteressante Sonderausstellung „90 Jahre Autonomie“. Sehr informativ, aber leider der gleiche Jammer wie schon vor Jahren: Ausschließlich schwedischsprachige Erklärungen, die ich nur rudimentär verstehe. Die zweite Sonderschau über die Malerin Sigrid Granfelt kann ich mir nicht entgehen lassen. Einige Bilder eines Hobby-Epigonen hängen bei mir zuhause, auch wenn er bestenfalls lokale Bekanntheit erreicht hat.

Der alten Postroute folgend strample ich nach Eckerö. Die Route von Stockholm nach St. Petersburg ist rund 400 Jahre alt. Die Ausstellung zum „200(!)-Jahre-Jubiläum“ ist leider geschlossen. 1712 haben wohl die Russen die Route neu belebt und von Turku (Åbo) bis St. Petersburg verlängert.

Die älteste Kirche des Archipels aus dem 13. Jh. ist Johannes dem Täufer gewidmet und liegt in Sund etwas versteckt. Wegweiser? Aber nein doch! Und in dieser einsamen Gegend findet man auch niemanden zu fragen. Einige alte Fresken sind freigelegt. Spätere Umbauten und Innenausstattung haben vom Original wenig übrig gelassen. Im Übrigen steht m. E. die Birgittenkirche in Lemland mit ihren beeindruckenden Fresken der Kirche in Sund nicht nach.

Auf einer Kreuzung in Mariehamn touchiert mich ein Auto. Der Fahrer flüchtet. Ich bleibe heil aber nicht das Rad. Später Freitagnachmittag ist denkbar ungünstig für einen Werkstatttermin. Mit Hilfe eines anderen Reiseradlers bekomme ich mein Gefährt nach einiger Zeit wieder flott.

In Önningeby treffen sich an diesem Wochenende Volksmusikanten, Spielleute, Volksschauspieler … zu einem „Spelmansstämma“. Viele haben ein Instrument dabei, meist eine Nyckelharpa, aber auch Handharmonika, Akkordeon, Gitarre, Geige, Fagott usw. Irgendjemand intoniert ein paar Takte und bald fallen andere ein. So geht es munter den ganzen Nachmittag bis in den späten Abend hinein (wird ja erst spät dunkel). Jeder ist herzlich eingeladen - zum Mitmachen oder zum Zuhören - und ich bleibe lang bei diesem fröhlichen Treiben. Es ist interessant, wie unterschiedlich diese Instrumente gebaut sind, Saitenzahl, Wirbel, Klaviatur, Lack ... Ich entdecke keine zwei auch nur annähernd gleiche Nyckelharpor.

Önningeby war vor rund 100 Jahren eine Künstlerkolonie (vielleicht vergleichbar mit Worpswede oder Murnau). Natürliches Leben, unangepasste Lebensführung wie z. B. provozierende Nacktheit und teils ätzende Kritik an Gesellschaft, Klerus, Politik bestimmten das Leben dort. Im Museum nebenan wird J. A. G. Acke besonders herausgestellt und eine kleine Sonderausstellung widmet sich den Frauen von Önningeby, diesen nach damaliger Auffassung unangepassten Weibsstücken.

Bei strömendem Regen lande ich in Degerby auf Föglö. Unter einem schützenden Vordach unterhalte ich mich länger als 2 Stunden mit einem Schweden. Der Regen lässt kaum nach. Ich brauche schließlich ein Bett und ziehe los. Schnell finde ich ein Gästhem und werde bestens empfangen: „Du bist ja total nass. Hier, nimm Dir erst einmal einen Kaffee, bis ich kläre, welches Zimmer frei ist. Und am Besten gehst Du erst einmal in die Sauna. Ich heize gleich mal für Dich ein.“ Hier ist gut sein!

Das Gästhem Enigheten ist als Gasthaus und Übernachtungsstation erstmals im 16. Jh. erwähnt. Wohl seit etwa dem Jahr 1000 war hier eine Zwischenstation auf dem Seeweg von Stockholm nach Turku, eine Art Krankenhaus für kranke oder verunfallte Seefahrer und bis vor rund 80 Jahren ein Thingplatz. 1942 hat der letzte Wirt das Haus aufgegeben und heute wird es vom Heimatverein Degerby als Gästehaus betrieben. Ich logiere also im Museum. Das Abendessen ist dem historischen Haus angepasst (nix Fastfood!): Barsch, Salzkartoffel, åländischer Pfannkuchen …

Auf Kumlinge bleibe ich nur einen Tag, besuche wieder einmal die würdige St.-Anna-Kirche und „vergewissere“ mich, dass der putzige, kleine Flugplatz noch existiert (hat immerhin einen internationalen ICAO-Code: EFKG). 4 signalrot gestrichene Wassereimer werden als Löschzeug bereitgehalten. Ach ja, zwei Handfeuerlöscher entdecke ich auch noch.

Wegen strammem Gegenwind versäume ich die Fähre nach Åva bzw. Jurmo. Auf Anruf wird für mich eine Fahrt eingeschoben. Jurmo ist die letzte Insel meiner Reise (gäbe noch 6.500 andere!). Ich streune über die Insel, nasche Heidelbeeren (nur wenige), Himbeeren und Preiselbeeren (wenige und noch nicht reif). Etwa 35 Einwohner verteilen sich auf 2,8 qkm.

Jurmo ist ein Platz zum Entschleunigen. Hier ist recht gut beschrieben (leider nur in finnisch), wie eine junge Familie dem "hektischen" Mäntta (immerhin damals 6.300 Einwohner) entfliehen wollte und wie sie nach Jahren des Überlegens und Tastens schließlich in der Abgeschiedenheit von Jurmo ihren Traum verwirklichen konnte. Die Frau versorgt in einer Person Jugendherberge, Poststelle, Dorfladen, Hafenamt und Café. Im Winter ist auch das zu wenig und sie bedient dann auf einer der Fähren. Der Mann arbeitet in einer Lachsfarm. Die Kinder pendeln täglich per Fähre und Taxi zur Schule auf die Nachbarinsel Brändö. Ab der 11. Klasse müssen sie „hinaus in die weite Welt“ (Mariehamn, Turku, Stockholm oder …).

Der Zuzug nach Åland ist eng reglementiert. Erst mit dem Heimatrecht (Voraussetzungen: finnische Staatsangehörigkeit, mind. 5 Jahre Aufenthalt auf Åland und Sprachprüfung in Schwedisch), kann man Immobilien erwerben. Bis dahin wohnt man zur Miete. Im Übrigen geht dieses Hembygdsrätt nach wenigen Jahren Auslands- oder auch nur Finnlandaufenthalt ganz schnell wieder verloren.

Zufällig treffe ich die Fährbesatzung am Kai: „Ich möchte gern morgen um 12 Uhr fahren.“ „Geht in Ordnung. Wir fahren dann. Wir haben gehört, Du habest Schweden schon auf ganzer Länge per Rad durchquert. Unglaublich … Erzähl doch mal.“ Tja, tatsächlich unfassbar, wie sich auf diesen Inseln Nachrichten verbreiten. Vor Tagen habe ich mich in Degerby mit einem Schweden unterhalten, während wir uns gemeinsam vor dem Regen untergestellt haben. Das ist für mich die einzig denkbare Quelle. Nun denn, ich habe ja nichts zu verbergen.

Åland ist ein ideales Revier für leichte Radreisen. Das Gelände ist zwar meist hügelig, aber es gibt keine nennenswerten Erhebungen. Nur auf der Hauptinsel Fasta Åland kommt man auf Entfernungen von mehr als wenigen zig Kilometern. Zwischen den gut 10 wichtigsten der bewohnten Inseln verkehren Fähren, zumindest im Sommer täglich mehrfach. Diese Fähren sind für Radler gratis. Mit Ausnahmen (Viking, Silja) sind auch die Passagen vom und zum finnischen Festland frei. Wer es etwas exotischer oder auch einsamer mag, kann sich per Wassertaxi zu anderen Inseln bringen lassen. Tipp: Die Anreise per Schiff von Stockholm nach Mariehamn führt traumhaft schön durch den schwedischen Schärengarten.

Zurück auf dem Festland (wieder exklusive Fährfahrt für mich) radle ich nach Turku, eine öde Strecke. Dort packe ich das Rad in einen Fernbus. Ich feiere ein Familienfest in Sysmä, bleibe eine Nacht in unserer Hütte in Kuhmoinen (mein Sohn mit Familie urlaubt gerade dort) und verbringe noch einen Tag in Helsinki.

Riesige Plakate werben: „Wessen Auto? … Schicke das Kfz-Kennzeichen als SMS an 020202. Du bekommst dann die Daten des Autos …“ Das kostet 1,90 EUR und gut ist. Ich spreche einen finnischen Freund fragend und zweifelnd auf dieses Plakat an. Er versteht mich nicht: „Worin siehst Du das Problem? Das ist doch praktisch. Wenn auf unserem Platz ein Auto unberechtigt parkt, schicke ich eine SMS und habe in Sekunden die Daten des Halters …“

Das war die letzte Radreise in 2012 und daheim stelle ich erstaunt fest, dass ich bis jetzt in diesem Jahr per Rad 1.000 km mehr als mit dem Auto auf der Straße war, natürlich nicht nur Radreisen im engeren Sinn. Im Winterhalbjahr bleibt dann das Rad im Schuppen.